2015

Wie einfühlsam sind die Deutschen? (Stern TV)

Sich in einen anderen Menschen hineinversetzen, Verständnis für seine Situation zeigen, Mitleid empfinden – das ist Empathie. Wie ausgeprägt ist diese Grundvoraussetzung für ein friedliches Miteinander bei den Deutschen (noch)? Wir haben es erforscht.

Empathie zählt zu den sozialen Grundfähigkeiten eines Menschen: Mit Empathie ist die Fähigkeit gemeint, sich in andere einzufühlen, Verständnis für sie und ihre Situation zu entwickeln und auch Mitleid zu empfinden. Sie ist damit die Grundvoraussetzung für jegliche Hilfeleistung und die Grundlage, dass wir friedlich und harmonisch zusammenleben können.

Doch vielen Menschen mangelt es offenbar an genau diesem Einfühlungsvermögen. Zwar besitzen wir die Gabe von Geburt an, durch Erziehung und Umfeld wird sie jedoch unterschiedlich ausgeprägt. Und bei manchen Menschen verkümmert sie regelrecht, sodass es ihnen an Bereitschaft mangelt, anderen Menschen in Notsituationen zu helfen. Wie empathisch sind die Deutschen? Wer zeigt Mitgefühl? Wer schreitet in Notsituationen ein? Diesen Fragen ist stern TV in mehreren Testsituationen und mit versteckter Kamera auf den Grund gegangen.

 
Notsituation K.o.-Tropfen

 

In einem Café spritzt ein Lockvogel unserem Opfer Sina, ebenfalls Lockvogel, vermeintliche K.o.-Tropfen ins Getränk – so offensichtlich, dass es jeder sehen könnte. Das Ergebnis: Bei allen Durchläufen im Café greifen Gäste beherzt ein und verhindern, dass Sina trinkt und sich vergiftet.Den gleichen Test machen wir in einer Disco. Auch hier beobachten etliche Umherstehende die K.o.-Tropfenattacke, wie die versteckten Kameras dokumentieren. Kein einziger greift ein. Das bedeutet allerdings keinesfalls, dass Disco-Gänger grundsätzlich weniger empathisch oder hilfsbereit wären, als Café-Gäste, weiß Verhaltensforscherin Christiane Tramitz: Situationen, in denen wir Spaß haben wollen und auf unser eigenes Vergnügen eingestellt sind, lassen uns weniger engagiert und mitfühlend für andere sein.

 

Notsituation Verkehrsunfall

 

Auf einer Landstraße in Thüringen inszenieren wir einen Unfall mit zwei Opfern, eines davon schwerverletzt. Viele Vorbeifahrende halten an und wollen helfen. Wie sie handeln, ist aber ganz unterschiedlich: Manche behalten einen kühlen Kopf und leisten gezielte, strukturierte Hilfe. Andere zeigen zwar starkes Mitgefühl, sind emotional jedoch völlig überfordert und nicht zu sinnvoller Hilfe fähig.

Diese zwei Verhaltenstypen seien auch in der Psychologie bekannt, erklärt Christiane Tramitz: Die so genannten „Empathizer“ könnten sehr stark die Gefühle von Personen nachfühlen. Gerade in Notsituationen seien sie oft überfordert, würden von einer Gefühlswelle überschwemmt. Die „Systemizer“ dagegen denken eher in Mustern und logischen Schritten. Auch sie empfinden Empathie, analysieren Notsituationen aber schneller und wissen, was zu tun ist. Keiner der Verhaltenstypen sei jedoch besser. Gesamtgesellschaftlich ergänzen sie sich: Im Umgang mit Kindern ist beispielsweise der Empathizer-Typ von Vorteil, ein Notarzt arbeitet als Systemizer erfolgreicher.

 

Kann man Empathie erlernen?WP_000279

 

Was ist aber mit Menschen, deren Empathie tatsächlich verkümmert ist? „Mangelnde Empathie kann im schlimmsten Fall zu Rassismus, Fremdenhass oder Fanatismus führen“, sagt Christiane Tramitz.

Genau hier setzt ein Unterrichtsprojekt namens „Roots of Empathy“ an, das von der kanadischen Erziehungsexpertin Mary Gordon 1996 entwickelt wurde und an Schulen in mehreren Ländern angewendet wird. So auch in der 6. Klasse der Wilhelm-Focke-Oberschule in Bremen: Die Schüler bekommen regelmäßig Besuch von der neun Monate alten Clara mit ihrer Mutter. Eine Trainerin führt die Schüler durch diese Begegnungsstunden. Die Schüler sollen Clara näher kommen und sie genau beobachten. Wirkt das Baby zum Beispiel traurig, versuchen die Schüler, sie mit einem Lied wieder zum Lächeln zu bringen. 

Durch die Beschäftigung mit dem noch hilflosen Kind sollen die sie lernen, mehr Verständnis für die Emotionen anderer zu entwickeln. Auch durch Körperkontakt mit dem Baby, indem sie es etwa auf den Arm nehmen, bauen sie eine Bindung auf. Die Klassenlehrerin Nicole Neumann sieht bereits erste Erfolge des Programms: „Die Schüler sind deutlich ruhiger und es gibt wesentlich weniger Streitigkeiten.“ Auch die Schüler selbst sehen das so. Christiane Tramitz ergänzt: „Es gibt viele Methoden, die eigene Empathie zu trainieren. Eine sehr einfache Übung ist, die Mimik von Menschen nachzuahmen. Denn das löst eine Rückkopplung im Gehirn aus und hilft uns nachzuempfinden, wie es der Person geht. Man kann das sogar anhand von Filmen üben.“

Dass wir Filme, Romane oder Theaterstücke überhaupt genießen könnten, habe viel mit Empathie zu tun, so die Expertin: „Diese funktionieren nur, weil wir uns in die Figuren hineinversetzen. Umgekehrt hat der Konsum solcher Kunstwerke auch einen positiven Rückkopplungseffekt auf unsere empathischen Fähigkeiten. Man hat beispielsweise herausgefunden, dass Menschen durch das Lesen von Romanen ihre Empathie weiter ausbilden.“