2016

Antiquitätenhändler im Test mit versteckter Kamera (SternTV)

Ob geerbt oder auf dem Flohmarkt erstanden – manch Einer hat womöglich wahre Schätze in seinen Schränken. Wenn sich doch nur jemand fände, der Herkunft, Originalität und Wert richtig und fair einschätzen könnte. Lockvogel Samira hat vermeintliche Sachverständige für stern TV getestet.

Ein Teeservice aus Silber, eine goldene Taschenuhr, ein russisches Öl-Gemälde aus dem 19. Jahrhundert,  eine antike Zuckerdose aus Meißener Porzellan… Die Studentin Samira hat von ihrem kürzlich verstorbenen Großonkel insgesamt 14 wertvolle Objekte geerbt, so die Legende unseres Lockvogels im stern TV-Test. Zusammen haben die Antiquitäten einen Händlerankaufspreis von etwa 42.000 Euro, weiß der stern TV- Sachverständige Jaromir Budi, der die Gegenstände zuvor begutachtet hat. Der Händlerverkaufspreis ist der Betrag, den ein fairer Händler mindestens bieten müsste. Im Weiterverkauf ließen sich mit den 14 Objekten bis zu 100.000 Euro erzielen, so Budi.

Wie aber verkauft man seine vermeintlichen Schätze zu einem guten Preis, der dem Wert gerecht wird? Potentielle Ankäufer von Antiquitäten finden sich im Internet, in den Gelben Seiten oder auch in Anzeigen in der Lokalpresse. Viele werben damit, Expertenkenntnisse zu besitzen und vor allem faire Preise zu zahlen. Doch wie ist es um diese Werbeversprechen tatsächlich bestellt?

Belogen, betrogen, abgezockt?

Für den Test mit versteckter Kamera hat Lockvogel Samira ihre Schätze zum Kauf angeboten. Was die Interessenten wussten: In Samiras Wohnung wurden deren Einschätzungen mitgehört – und mit beobachtet. Und von dem Experten Jaromir Budi beurteilt.
Der erste Testkandidat, der sich auf Samiras eigene Anzeige im Internet gemeldet hatte, gab vor ein erfahrener Händler zu sein, der „Bestpreise“ bezahlt. „Ich kenne mich leider nicht so gut mit den Sachen aus und hoffe einfach auf Ihre Kompetenz“, ließ Samira den Mann wissen.
In der konkreten Situation zeigte sich jedoch schnell, dass der Händler keine Ahnung von Antiquitäten hat. Er fragte die Studentin nach der Marke der Porzellanfigur, wusste nicht, ob die Kanne aus echtem Silber besteht und kennte die Künstlersignatur eines Salvador Dali nicht. „Für jemanden der sich tagtäglich mit Kunst auseinandersetzt ist es schon auch ein wenig peinlich, dass er die Signatur von Dali nicht erkennen kann“, so das Urteil Budis. Trotz fehlenden Fachwissens versuchte er die Antiquitäten schlecht zu reden, um so den Preis zu drücken. Allerdings müsste er Samira allein für die Druck-Graphik, handsigniert von Salvador Dalí mindestens 500 Euro bieten.
Am Ende bot der Mann für alle Objekte 400 Euro und meint auch noch, das sei ein faires Angebot. Doch mehr als das Hundertfache wäre angemessen. In der Bewertung unseres Experten Jaromir Budi ist dieser Händler eindeutig durchgefallen.

Die zweite Testperson die sich auf Samiras Anzeige meldete, stellte bereits am Telefon eine seltsame Bedingung: Die Studentin sollte keine weiteren Termine mit anderen Händlern machen. Das fand auch unser Experte nicht vertrauenserweckend: „Jeder, der die Absicht hat, ein seriöses Angebot abzugeben, der sollte kein Problem haben sich einem Vergleichsangebot von der Konkurrenz zu stellen.“
Am nächsten Tag tauchte der Händler mit einem Kollegen auf und es wurde schnell deutlich, dass sie sich sehr gut mit Antiquitäten auskennen. Sie wollten der offenbar ahnungslosen Samira unbedingt eine Preisvorstellung entlocken und versuchen kein zu starkes Interesse zu zeigen. Nach einer Stunde Bedenkzeit rief Samira bei ihnen an: Sie boten ihr 1500 Euro für alle Objekte und setzen sie unter Druck, dass sie sich schnell entscheiden müsse. Auch diese Händler waren offensichtlich nur auf Betrug und Gewinn aus.

Den dritten Testhändler fand die Redaktion im Internet: Auf seiner Internetseite warb er mit 25 Jahren Berufserfahrung und seiner Arbeit für Museen.  Zum Termin brachte der Mann eine Bekannte als Verstärkung mit. Jeden Gegenstand, den Samira ihm präsentierte, wertet er erst einmal ab. Unser Experte hinter den Kulissen kauft ihm das nicht ab und ist sich sicher, dass er versucht hat die Ahnungslosigkeit von Samira auszunutzen: „Ich glaube, dass er sich auskennt und einfach sofort sieht, dass es sich wirklich um kostbare Antiquitäten handelt.“ Und tatsächlich: Als Samira den Mann mit seiner Bekannten kurz alleine ließ, wusste er auf einmal ganz genau, welche Schätze er vor sich hatte: „Die Armbanduhr ist Patek Philippe. Die Kanne ist Silber – und das Dreierding ist auch Silber. Die Uhr ist 585er Gold. Und der Hund ist Meißen“, so der Händler in Samiras Abwesenheit zu seiner Bekannten.
Für neun Antiquitäten, die zusammen einen Wert von mindestens 39.000 Euro hätten, bot er unserem vermeintlich ahnungslosen Lockvogel 100 Euro! Und um den Deal gleich perfekt zu machen, zückte der Mann sofort seine Brieftasche. Als stern TV ihn zur Rede stellte, entgegnete er nur, dass Samira selber schuld sei, wenn sie keine Ahnung habe.

Transparenz macht vertrauenswürdig

Ein vierter Kandidat überraschte dann aber: Zunächst plusterte er sich mächtig auf und redete seine Konkurrenten schlecht. Doch dann zeigte sich, dass der Händler sich nicht nur hervorragend auskennt, sondern er auch die Antiquitäten realistisch beurteilte. Experte Jaromir Budi findet das professionell: „Er geht wirklich sehr transparent vor und er erläutert Samira jede Signatur, jeden Stempel. Das halte ich wirklich für vertrauenswürdig.“ Auch redete er die Gegenstände nicht, wie andere Händler, erst einmal schlecht, sondern lobte die außergewöhnlichen Antiquitäten.

Zum Schluss machte der Mann – nebenbei bemerkt der stern TV-Testsieger – Samira ein ungewöhnliches Angebot: Er bot ihr für die Antiquitäten einen Vorschuss von 2000 Euro. Dann fotografiert er die Gegenstände, um mithilfe seiner Kontakte den meistbietenden Käufer zu finden. Er selbst verlangte nur eine Provision von 15 bis 20%. Jaromir Budi zeigte sich beeindruckt von diesem fairen Angebot. Mit diesem Beteiligungsmodell hätte Samira wohl den mit Abstand höchsten Preis für ihre Antiquitäten erzielt.

Von sieben Händlern nur einer wirklich überzeugend

Gesamtfazit: Von den insgesamt sieben Antiquitätenhändlern hat uns nur einer ein wirklich faires Angebot gemacht. Die Offerte eines weiteren Händlers war akzeptabel. Die Summen, die die übrigen Händler geboten haben, waren einfach nur lächerlich. Die Gegenstände wurden viel zu niedrig bewertet, damit der Händler sie mit großem Gewinn weiterverkaufen kann.

„Es gibt natürlich schwarze Schafe in der Branche“, so Jaromir Budi im Gespräch mit Steffen Hallaschka, „deshalb ist es umso wichtiger, dass man sich informiert.“ So könne man sich beispielsweise bei einem Sachverständigen ein Wertgutachten einholen und damit in die Verhandlung mit einem Antiquitätenhändler gehen. Da ein Gutachten aber Geld koste, könne man sich auch kostenlos und unverbindlich mit den Sachen zunächst an ein Auktionshaus wenden oder selbst im Internet recherchieren. Eine realistische Werteinschätzung des Kunden selbst sei Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Verkauf.

Weitere Tipps des Antiquitäten-Experten und Auktionators Jaromir Budi:

  1. Wer Antiquitäten erbt, kann nach Antritt der Erbschaft darüber frei verfügen – und verschenken oder verkaufen.
  2. Als Besitzer von vermeintlichen Antiquitäten sollte man sich vor dem Einholen eines ersten Angebots selbst informieren und wissen, was die Sachen ungefähr wert sind.
  3. Eine gute Anlaufstelle sind Auktionshäuser, wo man Kunstgegenstände und Sammlerobjekte professionell schätzen lassen kann, darunter das Online-Auktionshaus-Auctionata das den Service kostenlos und über das Internet anbietet.
  4. Einige von den getesteten Händlern wollten, dass unser Lockvogel als erstes einen Preis nennt, den sie für ihre Antiquitäten haben möchte. Wer so etwas verlangt, ist ein Profi und weiß, dass die Person, die zuerst eine Zahl nennt, bei der Preisverhandlung „verloren“ hat. Als Anbieter sollte man also versuchen, dass der Händler ein erstes Angebot macht.
  5. Eine Alternative können auch Leihhäuser sein, die in der Regel transparent arbeiten, tagesaktuelle Handelspreise von z.B. Gold und Silber heranziehen – und ggf. direkt Bargeld auszahlen.
  6. Bei Provisions- oder Verkaufsvereinbarungen sollte man alles schriftlich festhalten. Insbesondere, wenn der Händler die Sachen für einen Weiterverkauf an sich nimmt. Dafür solle man sich immer eine Rechnung bzw. Quittung geben lassen, worin alle Gegenstände genau bezeichnet und aufgeführt sind, so Jaromir Budi.
  7. Die Antiquitäten auf Provisionsbasis zu verkaufen, durfte am erfolgversprechendsten sein: Der Händler versucht die Objekte für den Kunden zum bestmöglichen Marktwert zu verkaufen und gibt diesen Gewinn, abzüglich der Händlerprovision, an den Verkäufer weiter. Das ist vor allem profitabel, wenn man selbst keinen Zeitdruck hat. In einem solchem Fall sind Provisionen von 15% bis 20% völlig normal.