2014

Drückerkolonnen (Stern TV)

druecker1_stv_1260Mitarbeiter von Drückerkolonnen sollen nur eins: eine Unterschrift auf den Vertrag bekommen. Unter welchem Druck sie dabei selbst leiden, berichtet ein Aussteiger. stern TV hat es undercover getestet.

An seinen letzten Job erinnert sich Raphael Scharnagl mit größtem Unbehagen: „Ich will nie wieder in so einer Organisation arbeiten, um nichts in der Welt“, sagt er. Der 24-Jährige war vier Tage lang in einer so genannten Drückerkolonne unterwegs. Dann ergriff er die Flucht. Geld bekam er am Ende nicht.

Die Jobanzeige hatte der 24-Jährige bei Facebook gesehen. Sie warb für einen „leicht erlernbaren Job“, mit dem er 400 bis 600 Euro pro Woche verdienen könne. Das reizte den arbeitslosen Koch. Er unterschrieb einen Praktikumsvertrag für zwei Wochen. Der Haken: In dieser Zeit sollte es weder Vergütung noch freie Tage geben. „Mit dem Unterschreiben meines Praktikumsvertrags wurden mir 200 Euro und mein Handy abgenommen“, berichtet der Aussteiger. „Die 200 Euro waren angeblich für die Unterkunft, obwohl mir vorher am Telefon gesagt wurde, dass Unterkunft und Verpflegung kostenlos gestellt werden.“ Nachdem Scharnagl ahnungslos in einem abgelegenen Ort in eine Herberge gebracht wurde, ging es nur noch um eines: Raphael musste möglichst viele Verträge abschließen, sollte ahnungslosen Menschen die Unterschrift für Telefonverträge, Strom- oder Gaslieferungen abringen – egal wie. „Ich hätte nicht gedacht dass es so schlimm wird. Man muss die Menschen an der Tür ja belügen und betrügen, und das wollte ich auf keinen Fall.“

Drückerkolonnen sind komplex organisiert

Der Druck, der auf die Mitarbeiter von Drückerkolonnen ausgeübt werde, sei extrem hoch, weiß auch Verbraucherschützer Stefan Loipfinger: „Es werden Leute gesucht, die psychisch labil sind und kein festes Umfeld haben, damit man sie leichter in ein Abhängigkeitsverhältnis bringen und unter Druck setzen kann.“ Loipfinger hat sich jahrelang mit den Methoden von Drückerkolonnen beschäftigt, speziell im Bereich Tierschutz-Spenden, um die betrogen wird. Das Repertoire der Drückerkolonnen umfasst alle möglichen Verträge: „Im Prinzip arbeiten alle mit der gleichen Masche, und womit Geld verdient wird, ist auch egal“, so Loipfinger. „Heute sind es Telefonverträge, morgen Zeitungs-Abonnements, übermorgen Tierschutz-Spenden.“

Mit verkaufspsychologischen Tricks und gezielten Fehlinformationen sollen die Drücker dann so viele Vertragsabschlüsse wie möglich zu erzielen. „Man wird an irgendeiner Straßenecke rausgelassen und muss alle zwei Stunden wieder dort sein, um seine ‚Zettel‘ abzugeben“, berichtet Raphael Scharnagl. „Das Handy wird einem vorher abgenommen. Wenn also etwas passiert, dann kann man nicht einmal schnell Hilfe rufen.“

stern TV schleust Lockvogel ein

Ist das Erlebnis des Aussteigers ein Einzelfall – oder gar gängige Praxis? stern TV hat es bei einer Firma in Norddeutschland getestet und einen Reporter eingeschleust, der die skrupellosen Machenschaften mit versteckter Kamera dokumentierte. Wie Raphael Scharnagl nahm Undercover-Lockvogel Dave über Facebook Kontakt zu der Firma auf. Am Bahnhof in Potsdam erhielt er telefonisch den Code für ein Bahn-Ticket, das ihn an seinen abgelegenen Bestimmungsort bringen solltet – irgendwo zwischen Bremen und Hamburg. Dort wurde er am Bahnhof abgeholt und in ein Gehöft gebracht, die Unterkunft von etwa 20 Drückern der Firma. Für den Test unterschrieb auch Dave den ausbeuterischen Praktikumsvertrag.

Am nächsten Tag erhielt Dave eine Verkaufsschulung. Der wichtigste Punkt: in die Wohnung kommen. Sobald er reingelassen werde, habe der Kunde schon verloren, hieß es. Um ihm die Maschen einzutrichtern, musste Dave seinen Verkaufstext stundenlang und immer wieder aufsagen. Auch Lügen lernte er – über ein in Wahrheit nie verschicktes Infoschreiben und über die Details der Verträge. „Sag doch einfach, dass sie abends und am gesamten Wochenende nur einen Cent pro Minute zahlen“, sagte der Ausbilder. Was er von Dave verlangte, sei absolut rechtswidrig, erklärt Arbeitsrechtsexpertin Nilüfer Hobuß bei stern TV: „Das ist Anstiftung zum Betrug.“ Auch der Praktikumsvertrag verstoße mit seinen Klauseln gegen das Gesetz.

Zielvorgaben und Strafschulungen setzen Mitarbeiter unter Druck

Nach der Schulung sollte Dave zunächst bei einem routinierten Drücker lernen, mit welchen Tricks die Stromverträge angepriesen werden. Dass der Vertrag gar nicht wirklich günstig ist, gab der Mann im Gespräch mit Dave sogar zu. Routiniert überredete der Drücker einen Kunden dennoch zum Vertragsabschluss. Der Teamchef zeigte sich trotzdem unzufrieden, es sei nicht genug verkauft worden. In diesen Fällen werden abendliche Strafschulungen angedroht. Dieser enorme Verkaufsdruck brachte eine andere Mitarbeiterin, die dave begleitete, sogar dazu, einer dementen Frau einen Telefonvertrag aufzuschwatzen. Auch Aussteiger Raphael berichtet von Leistungsdruck: „Die Vorgabe war, dass man 50 Zettel in der Woche mitbringt“, sagt er. „Meiner Meinung nach ist das nicht zu schaffen. Kollegen dort haben erzählt: Wenn man bis Freitag seinen Soll nicht erfüllt, muss man auch am Samstag noch um die Häuser ziehen.“

Für den Undercover-Reporter Dave war erst am späten Abend Feierabend, zwischen 21 und 23 Uhr erhielt er eine weitere Schulung. Auf seinem Zimmer musste er dann noch entdecken, dass seine Sachen durchwühlt wurden und 50 Euro fehlten. Als Dave aus der Unterkunft an die frische Luft wollte, war die Tür verschlossen. Arbeitsrechtlerin Hobuß ist erneut empört: „Das ist eine Straftat. Das ist Freiheitsberaubung und Nötigung. Und in einer Notsituation wäre das auch noch eine Gefährdung von Leib und Leben der Menschen.“

Geschäftsführung schlägt Stellungnahme aus

Als Dave erstmals alleine auf Tour gehen sollte, musste er sich vor dem Druck des Kolonnenchefs fürchten. Denn: Im Einsatz für stern TV durfte er keine Verträge abschließen und sich womöglich zum Handlanger der Drückerkolonne machen. Auf dem Heimweg konfrontierte Dave den Drückerchef mit den betrügerischen Methoden seiner Firma. „Erzähl bloß nicht, dass wir hier Betrug machen! Dann klatscht es aber!“, so der Mann im Auto. Kurz darauf wurde Dave – 100 Kilometer vor der Unterkunft entfernt – auf offener Straße ausgesetzt. Ohne Geld, ohne Handy. Das sern TV-Team war zum Glück schnell zur Stelle.

Fünf Tage lang war Dave ausgenutzt worden. Für die Drücker-Chefs sollte er mit Lügen und Tricksen Vertragsabschlüsse ergaunern. Ebenfalls ohne Bezahlung. Auch dahinter lässt sich eine Methode vermuten. Denn viele der über Facebook angeworbenen „Praktikanten“ schreiben mehrere Verträge, bevor sie wie Raphael Scharnagl und Dave die Flucht ergreifen. Nur selten wird durch ehemalige Mitarbeiter Anzeige erstattet, weiß Experte Loipfinger: „Die Leute werden bewusst ausgesucht: Die sind arbeitslos, psychisch labil, die träumen vom leichten Geld. Die können sich nicht so leicht wehren oder sich gar einen Anwalt nehmen“, erklärte er bei stern TV. Die meisten sind froh, wenn sie irgendwann wieder raus kommen.“

stern TV wollte der Firma hinter der Drückerkolonne, der Kosmo Media und Marketing GmbH in Hamburg, die Gelegenheit geben, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Doch das Team wurde abgewimmelt. Der beste Rat: Das sollten auch Verbraucher tun, an deren Tür die Drücker klingeln – und sich niemals auf Haustürgeschäfte einlassen. Ebenso wenig, wie einen Job bei einer derartigen Organisation anzunehmen.