2015

Hehlerei mit Rädern: Gutes Fahrrad – billig abzugeben! (Stern TV)

Deutschlandweit werden jährlich hunderttausende Fahrräder gestohlen. Allerdings selten für den Eigenbedarf. Stattdessen werden sie als Fahrradschnäppchen angeboten. Die Käufer scheint die Herkunft der Räder nicht weiter zu interessieren.

Durchschnittlich passiert es alle 90 Sekunden: Irgendwo in Deutschland wird wieder einmal ein Rad geklaut. Allein im vergangenen Jahr wurden fast 340.000 Fahrraddiebstähle zur Anzeige gebracht. Und während die Zahl der Diebstähle zunimmt, sinkt die Aufklärungsquote seit 2007 kontinuierlich und lag im vergangenen Jahr bei weniger als zehn Prozent. Aber wo sind all die geklauten Fahrräder? Neben dem Verkauf von Einzelteilen oder auf Flohmärkten werden sie auch über Angebote im Internet weiterveräußert: gebrauchte Markenräder zu Spottpreisen! Für Kaufinteressenten echte Schnäppchen. Doch was tun Interessenten, wenn sie erfahren, dass das angebotene Rad Diebesgut ist? Und wie reagieren Käufer eines geklauten Rades, wenn der bestohlene Eigentümer es zurückfordert?IMAG2516

Wir haben den Test gemacht: Per Kleinanzeige im Internet bot unser Lockvogel mehrere Fahrräder an – zu Preisen, die bereits ahnen ließen, dass irgendetwas faul ist. Zum Beispiel das Marken-Hollandrand für 50 Euro. Tatsächlich wäre es etwa das Vierfache wert. Außerdem: ein cooles Retro-Rad mit einem Marktwert von 400 Euro, das nur 65 Euro kosten sollte. Und für ein geradezu neuwertiges Mountainbike für günstige 130 Euro fanden sich innerhalb eines Tages gleich über 30 Interessenten.

Als die Kaufwilligen nacheinander zur Begutachtung kamen, öffnete Lockvogel Sina eine Garage mit 10 Fahrrädern und den Worten: „Unser kleiner Fahrradladen!“. Bei allen zehn eingeladenen Käufern ließen wir keinen Zweifel an der illegalen Herkunft der Räder.

In einem zweiten Experiment gingen wir noch weiter: Unser Lockvogel verkaufte zwei Fahrräder auf offener Straße. Auch hier gab Sina ohne Umschweife zu, dass sie geklaut waren. Nach der Kaufabwicklung machte sie sich davon. Jeweils kurz darauf ließ das Team einen zweiten Lockvogel auftauchen, der den aufgebrachten ehemaligen Besitzer des gerade erworbenen Rades mimte. In zwei Fällen konfrontierte er den Käufer mit dem ursprünglichen Kaufvertrag als Beweisstück. In einem anderen Fall nahm der Lockvogel „sein“ Fahrrad einfach wieder mit.

Acht von zehn Interessenten kaufen ein geklautes Fahrrad

In unserem Garagentest kauften acht von zehn Interessenten, die zur Begutachtung eines Rades vorbeikamen, das Diebesgut – obwohl sie von der Herkunft wussten. Entweder, weil sie das Angebot unwiderstehlich fanden oder weil sie angeblich knapp bei Kasse waren. Wäre es kein Test gewesen, würde allen Acht ein Ermittlungsverfahren wegen Hehlerei drohen, so Kriminaloberkommissar Jens Hartwich vom LKA Berlin. Er sagt außerdem: „Der Käufer von einem gestohlenen Fahrrad sollte sich darüber bewusst sein, dass er sich nicht nur strafbar macht, sondern dass er durch seinen Kauf auch dafür sorgt, dass weiterhin Fahrräder gestohlen werden.“

Die drei Käufer der auf offener Straße angebotenen Räder staunten nicht schlecht, als sie dem „Besitzer“ begegneten und ihr Fahrrad binnen Minuten wieder los waren. Alle versuchten sich herauszureden und logen, sie hätten nichts von der Herkunft des Fahrrades gewusst. Nach der Konfrontation haben die Fahrradkäufer in unserem Test die Botschaft aber verstanden – und ihr Geld natürlich zurückbekommen. In der Realität kann das anders ausgehen.

Die Anzahl der Fahrräder in unserem Experiment sind lediglich ein Prozent aller Fahrräder, die in Deutschland jeden Tag gestohlen werden. Die Hochburgen des Fahrraddiebstahls sind übrigens Leipzig mit 6.933* Diebstählen, Köln mit 8.250* und Hamburg mit 15.961*. Absoluter Spitzenreiter 2014: Berlin mit 30.758* Diebstahlanzeigen. Und solange sich so einfach wie im stern TV-Test Käufer für geklaute Räder finden, wird sich an der steigenden Zahl an Diebstählen wohl nichts ändern.

 

*Quelle: Bundeskriminalstatistik 2014