2015

Kinderfotografen im Test: Bitte lächeln! Oder einfach zum Heulen? (Stern TV)

Ein schönes Portrait oder ein glücklicher Schnappschuss – das wünschen sich nicht nur die stolzen Eltern. Die Kinder selbst freuen sich später ebenso über gelungene Erinnerungen. Mitunter lohnt die Investition in professionelle Fotos. Wir haben Fotografen getestet – und erklärt, wie tolle Kinderbilder gelingen.

 

Hübsch soll sie aussehen, gleichzeitig pfiffig, ein bisschen frech … Nicole hat ganz konkrete Vorstellungen, wie ihre dreijährige Tochter Niobe auf gelungenen Fotos aussehen soll. Deshalb hat Nicole extra einen professionellen Fotografen zu sich nach Hause bestellt. Statt der üblichen Schnappschüsse mit dem eigenen Handy möchte sie hochwertige Fotos bekommen, die den Charakter ihres Kindes einfangen. Doch das scheint nicht so einfach zu sein: Ein schreiendes Kind, ein entnervter Fotograf – und jede Menge miserable Bilder sind das Ergebnis des teuren Homeshootings.

„Er macht im Grunde genommen alles falsch, was man falsch machen kann“, so der Kommentar von Profifotografin Andrea Rüster, die das Geschehen in der Testwohnung zusammen mit stern TV durch die versteckten Kameras beobachtete. Sie weiß: „Der Fotograf sollte schon bei der Begrüßung Kontakt zu dem Kind aufnehmen und es im Laufe des Shootings permanent ansprechen, damit ein Vertrauensverhältnis entsteht. Es ist wichtig, als Fotograf die Nähe zu dem Kind zu suchen, um einen persönlichen Kontakt aufzubauen. Damit verliert das Kind die Scheu vor der Kamera.“ Die 315 Euro, die der Mann für seine Arbeit verlangte, war er definitiv nicht wert.

 

Schlechte Technikkenntnisse ergeben schlechte Fotos

Unser zweiter Lockvogel ist der 12-jährige Gideon. Der Junge ist extrem aufgeweckt und zieht gerne Grimassen. Doch bevor die bestellte Fotografin das auf Bildern herausarbeiten kann, quält sie sich fast das gesamte Shooting über mit ihrer Technik ab, die einfach nicht funktionieren will. Nach einer halben Stunde hatte sie noch kein Foto geschossen, während sich Gideon zu Tode langweilte und die Lust verlor. Nach fast einer Stunde entstanden die ersten Aufnahmen – aber was für welche? „Die Blitze, die sie verwendet hat, werfen einen Doppelschatten um die Nase. Teilweise ist der Schatten auch vor dem Auge“, erkennt Andrea Rüster. „Es gibt bestimmte Schlagschatten, bestimmte Winkel, die dürfen einfach nicht passieren. Ein Fotograf sollte seine Technik beherrschen, nicht nur in Bezug auf seine Kamera. Er sollte auch wissen, wie er das vorhandene Licht einsetzt oder Lampen aufbaut, um das Kind gut ausgeleuchtet fotografieren zu können.“

Die Technik war nicht die Stärke dieser getesteten Fotografin. Und obwohl sie mit Gideon gut umging, hat sie inhaltlich versagt. Andrea Rüster beweist, dass man von Gideon sehr wohl ausdrucksstarke Fotos machen kann, die sein Wesen zeigen. Und als echter Profi, die Kinder für renommierte Magazine und Werbekampagnen fotografiert, weiß sie auch, wie man mit der kleinen Niobe umgehen muss, um ihren Charakter in Bildern einzufangen.

 


Kinderfotos müssen Kinder zeigen, wie sie sind

Das dritte Kind, das als Lockvogel fungieren sollte, ist die siebenjährige Maria – Typ „Pipi Langstrumpf“. In diesem Test mussten die bestellten Fotografen nicht nur eine Beziehung zum Mädchen aufbauen, sondern auch zu der überengagierten Mutter Dessi, die sich ungeniert in die Arbeit der Fotografen einmischen sollte. Die erste Fotografin konnte damit gar nicht umgehen: „In dem Fall reagiert sie einfach völlig falsch. Sie kann sich entweder auf die Mutter einlassen und mit dem arbeiten, was die Mutter ihr gibt. Oder sie setzt eine klare Grenze und schickt die Mutter einmal vor die Tür“, so Andrea Rüster.

Kein Bild dieser Fotografin entstand aus dem Moment heraus: Sie setzte kitschige Hintergründe und zahlreiche Requisiten ein, drapierte das Mädchen endlos lange. Andrea Rüster gefällt das nicht: „Ich habe das Gefühl, dass sie da mehr ein Stillleben drapiert, als dass sie mit einem Kind natürliche Fotos macht.“ Entsprechend sahen die Bilder aus: abgezirkelt, konstruiert, leblos.

 

Störfaktoren zur Tugend machen

Die letzte Testkandidatin schreibt auf ihrer Homepage: „Fotos sollen den Charakter abbilden, etwas ganz Individuelles und Einmaliges sein.“ Ob diese Fotografin das auch umsetzen können würde? Im Shooting mit Maria und der nervtötenden Hektik von Mutter Dessi blieb sie ganz entspannt – und drückte einfach im richtigen Moment auf den Auslöser.Sie ignoriert im Grunde genommen die ganzen Störer, sondern schafft es sogar, diese Störer noch für sich zu nutzen, indem sie dadurch noch mehr Bildmaterial hat, was sie fotografieren kann“, bewundert Andrea Rüster. Die Fotografin baute die Mutter einfach in die Bilder mit ein. So entstanden entzückende Motive von Dessi und ihrer Tochter in Aktion. Viel Lob auch von der Expertin: „Mir gefällt die moderne Optik, die die Bilder haben. Dass sie genau das gemacht hat, was eigentlich heute von einem Fotografen erwartet wird. Dass es nicht nur um das Foto geht, sondern dass ein ganz wichtiger Teil der ist, die Bilder nachzubearbeiten und ihnen damit überhaupt erst den Charakter des Fotografen zu geben.“ Die junge Italienerin ist nicht nur sehr gut mit Maria und der Situation umgegangen, sie hat auch technisch professionell gearbeitet. Und mit 150 Euro hat sie zu einem guten Preis gearbeitet.

 

Das stern TV-Testergebnis

Die Preise pro Shooting inklusive fünf Abzügen in A4 lagen zwischen 40 und 310 Euro. Der teuerste Kinderfotograf war gleichzeitig der schlechteste. Er ist nicht nur völlig falsch mit der kleinen Niobe umgegangen, er hat auch qualitativ minderwertige Ergebnisse geliefert. Die zweite Verliererin ging zwar mit Lockvogel Gideon gut um, versagte aber bei der Technik und lieferte schlechte Fotos ab. Die Fotos von drei Fotografen waren ordentlich. Richtig gut waren nur die Bilder von unserer Testsiegerin. Sie zeigte viel Einfühlungsvermögen für die siebenjährige Maria und schaffte es als Einzige ihren Charakter einzufangen. Außerdem hat sie sich durch den Störfaktor „Mutter“ nicht aus der Ruhe bringen lassen.