2016

Lohnt sich eine Farb- und Stilberatung wirklich? (SternTV)

Wir sammeln und horten, kaufen dies und das, weil es ganz hübsch ist. Aber einen eindeutig passenden Stil haben wir nicht… Wie vielen von uns geht es auch Dominika: ein ganzer Kleiderschrank voller Klamotten, aber irgendwie gefällt ihr nichts so richtig. Und die meisten Sachen passen einfach nicht zusammen oder lassen sich schlecht kombinieren.

Welche Farben einem wirklich stehen, welches Outfit für welchen Anlass angemessen ist und von welchen Altlasten man sich guten Gewissens trennen kann, wissen die wenigsten von uns ganz genau. Glücklicherweise gibt es professionelle Hilfe: Farb- und Stilberater bieten ihre Dienste an und versprechen, ihre Kunden optimal zu beraten. Aber wie gut sind die selbsternannten Berater wirklich? Lohnt sich die Investition in eine solche Dienstleistung? Und wie findet man am besten seinen eigenen Stil und die besten Outfits?

stern TV hat zusammen mit Modeexpertin Astrid Rudolph Stilberatern mit versteckter Kamera auf die Finger geschaut. Lockvogel Dominika gibt vor, ein Vorstellungsgespräch als PR-Beraterin zu haben, für das sie ein passendes Outfit benötigt. Neben einem allgemeinen Kleiderschrank-Check ist die 35-Jährige außerdem auf der Suche nach dem perfekten Look für einen vielversprechenden Single-Abend und für die Hochzeit ihrer besten Freundin.

Lockvogel Nummer 2 ist Dennis. Der 22-Jährige hat in den vergangenen sechs Monaten insgesamt 40 Kilogramm abgenommen. Da seine Garderobe nun rutscht und schlackert, muss er sich neu einkleiden. Über das Internet hat sich Dennis viel Neues bestellt. Mit Hilfe eines Farb- und Stilberaters gilt es zu entscheiden: Was steht ihm wirklich?  Und was wird zurückgeschickt? Darüber hinaus sucht Dennis Outfits für einen Disko-Abend, ein Bewerbungsgespräch als Altenpfleger und für die Hochzeit eines guten Freundes. Was empfehlen die Dienstleister Dominika und Dennis? Modeexpertin Astrid Rudolph hat vor dem Test mit versteckter Kamera für beide bereits passende Sachen zusammengestellt und sie in ihren jeweiligen Kleiderschränken versteckt.

Farbberatung bleibt uneindeutig

Die erste Testkandidatin, auf die Dominika durch deren Homepage aufmerksam wird und die verspricht „Bei uns entdeckst du, welches Outfit zu deinem Typ passt und wie du dich zu unterschiedlichen Anlässen kleiden kannst“, übergibt Dominika  – bevor es überhaupt mit der Beratung losgeht – die Rechnung für den Einsatz: satte 288 Euro. Dominikas Stil findet die Beraterin mit Hilfe der veralteten Vier-Jahreszeiten-Farbwahlmethode. Sie kommt heute noch oft zum Einsatz und soll bestimmen, ob man ein Frühlings-, Sommer-, Herbst- oder Wintertyp ist und aus welcher Farbskala man die Farben für sich wählen sollte.
Im Test legt die Beraterin Dominika verschiedenfarbige Tücher um den Hals. Jeder Mensch sei ein bestimmter Farb-Typ, erklärt die Frau. Modeexpertin Astrid Rudolph verfolgt das Beratungsgespräch am Monitor im Nebenraum mit, sie sagt dazu: „Dieses ganze Vier-Jahreszeiten-System ist veraltet.“
Die Beraterin kommt zu dem Ergebnis, dass Dominika eine „Mischung“ ist: „Also, das sieht nach einem dunklen Sommertyp aus, mit der Tendenz zum Herbst. Es geht aber auch schon ein Stück in Richtung Winter“, so die Frau. Dominika ist zu Recht ziemlich verwirrt.

Für die Beratung hat Dominika ihre gesamte Garderobe auf Kleiderstangen gehängt. Als zweite Aufgabe soll die Beraterin nun entscheiden, was sie behalten soll und was besser in die Altkleidersammlung wandert.  Statt konsequent auszumisten findet die Frau, dass fast jedes Stück „irgendwie“ zu unserem Lockvogel passt… Zum Schluss sind von Dominikas gut 300 Kleidungsstücken  gerade einmal sieben aussortiert. Astrid Rudolph findet: „So macht ein Kleiderschrank-Check überhaupt keinen Sinn.“ Die drei gewünschten, perfekten Outfits werden von der Modeexpertin ebenfalls als schlecht, unpassend und langweilig bewertet.

Lockvogel Dennis testet die zweite Farb- und Stilberaterin. Die Dame macht für den Anfang einen guten Eindruck und gibt Dennis viele Tipps, was er anziehen darf und was er lassen sollte

„Ich sage dir, einfarbige Hemden sind immer schicker.“ / „Achte auf eine bessere Qualität, dass kein Acryl drin ist und keine Kunstfaser.“ / „Rot, Weiß und Schwarz sind drei klassische Farben, die immer in ein Outfit gehören.“ Dennis kann sich die Fülle an Informationen allerdings kaum merken und beginnt mitzuschreiben. „Eigentlich ist es die Aufgabe des Beraters, das alles aufzuschreiben und in eine Mappe zu tun, damit der Kunde hinterher ein Konzept hat“, urteilt Astrid Rudolph. Die von der Beraterin zusammengestellten Outfits sind für unsere Expertin etwas altbacken (Party), Bewerbung und Hochzeit aber ganz gut. Der Preis: immerhin nur 150 Euro.

Nur zwei von sechs getesteten Farb- und Stilberatern befriedigend

Die dritte Testperson wendet bei Dennis ein äußerst fragwürdiges Farb-Konzept an: Sie legt unserem Lockvogel verschiedenfarbige Tücher um, deren Wirkung der 22-Jährige mit geschlossenen Augen fühlen soll. „Farbe ist physikalische Schwingung“, erklärt die Frau. Nach einer halben Stunde Farben-Fühlen steht für sie fest: Dennis ist ein Wintertyp. „Die Winterfarben strecken dich.“

Bei der Auswahl der drei ‚perfekten‘ Outfits hat die Beraterin selbst wohl die Augen geschlossen gehabt: die ausgewählten Kleidungsstücke passen weder zu Dennis‘ Körperformen, noch zu den Anlässen. In der Bewertung unserer Expertin Astrid Rudolph fällt diese Beraterin eindeutig durch. Der Preis für diese Leistung: 250 Euro.

Der letzte Berater wird durch Lockvogel Dominika getestet. Der junge Mann wirbelt durch Dominikas Kleiderschrank und zeigt ihr unzählige Kombinationsmöglichkeiten auf – allerdings so schnell, dass die 35-Jährige am Ende überhaupt nicht mehr klarkommt. „Ich verstehe weder was ich wirklich tragen kann, noch was mir nicht steht und bin jetzt auch nicht weiter“, resümiert Dominika die Beratung.

Auch die von dem Berater ausgewählten Outfits kann Modeexpertin Astrid Rudolph nicht gut bewerten. Für die Hochzeit wählt er gute Stücke aus – aber eine unmögliche Zusammenstellung! Und für die Party ein haarsträubend kurzes, rosa Kleid, das für Dominikas Alter völlig unangemessen ist. Einzig das Bewerbungsoutfit ist in Ordnung. Beratung: 400 Euro. Zusätzlich dreht der Mann unserer Testerin Make-up für 300 Euro an. Diese Beratung ist für insgesamt 700 Euro schlicht eine Frechheit!

Gesamtfazit von insgesamt sechs getesteten Farb- und Stilberatern: Vier haben eine ungenügende Leistung erbracht, zwei Kandidatinnen waren befriedigend – wirklich überzeugt hat leider niemand.
„Wären die von uns getesteten Berater meine Auszubildenden gewesen, wäre jeder einzelne bei mir durchgefallen und hätte die Prüfung nicht bestanden“, sagt Astrid Rudolph. „In meiner Beratung erkläre ich dem Kunden genau, was die verschiedenen Schnitte und Farben bewirken und erkläre es außerdem an der Person selbst. Oft erstelle ich auch einen anschaulichen Vergleich mit einem Prominenten, der meinem Kunden in irgendeiner Art ähnelt – so kann ich nochmal erklären, was einer Person steht und was nicht.“

Online-Stilberatung

Wer nicht bis zu 400 Euro in eine unbrauchbare Beratung investieren möchte, kann sich auch im Internet in Sachen Stil informieren. Hier haben wir ein paar Tipps zusammengestellt und eine Linkliste, wo Sie sich modisch inspirieren lassen können.