2015

So autoritätsgläubig sind die Deutschen (Stern TV)

Ob Anweisungen aus einem Lautsprecher oder ungenießbares Essen von einem Sterne-Koch – inwieweit lassen sich die Deutschen durch Autoritäten beeindrucken? Wir haben es in unterhaltsamen Experimenten ausprobiert.

Spitzenkoch Christian Rach serviert acht geladenen Gästen ein Drei-Gänge-Menü – und natürlich sind alle voll des Lobes: „Köstlich!“, „Großartig!“, „Einfach Weltklasse!“, urteilen sie. Was die unfreiwilligen Testesser zunächst nicht wissen: Sie wurden arglistig getäuscht und dabei mit versteckten Kameras gefilmt. Das gesamte Essen stammt aus Konserven. Christian Rach hatte es sogar absichtlich ungenießbar „verfeinert“. Die Gäste aßen Tütensuppe mit Champignons dritter Wahl und süßer Sprühsahne; als Hauptgericht gab es Dosenravioli, kulinarisch ruiniert mit einem Riesenlöffel Nussnougataufstrich und Apfelkompott. Dazu den passenden Wein: Billigware aus dem Tetrapak. Von dem vermeintlichen Edel-Tropfen gibt sich sogar ein selbsternannter Weinkenner begeistert. Kann eine Autorität wie der Sternekoch unser Urteilsvermögen wirklich derart beeinflussen? Trauen wir ihr mehr als unseren Geschmacksnerven?

Gehirn ist auf Autoritäten geprägt

Der Umgang mit Autorität und Autoritäten begleitet uns von der frühesten Kindheit an. Das ist evolutionär so vorgesehen, denn als schutzloser Mensch braucht es die Autorität der Erwachsenen, insbesondere der Eltern, um uns vor falschen Handlungen oder Gefahren zu bewahren. Auch im Erwachsenenleben ist es in vielen Fällen von Vorteil, die Verantwortung an Autoritäten abzugeben und ihnen zu vertrauen. Beispielsweise im Bereich der öffentlichen Sicherheit, in dem die Polizei die Autorität innehat und wir das – in aller Regel – anerkennen. Eine bedingungslose Hörigkeit gegenüber Autoritäten, das wissen wir mit Blick in die deutsche Geschichte, hat aber auch seine Schattenseiten. Heutzutage werden Obrigkeiten hinterfragt, man will sich eben nicht einfach manipulieren lassen.

Deshalb glauben viele Menschen, sie seien gegen Manipulationsversuche und autoritäre Behandlung immun. Doch unser evolutionär vorgeprägtes Gehirn spielt uns doch immer wieder einen Streich: Unbewusst reagiert nämlich jeder Mensch auf Autoritätssignale und lässt sich von diesen leiten und beeinflussen. Sogar dann, wenn die gegebenen Befehle und Anweisungen völlig unsinnig sind.

Autoritätshörigkeit durch ‚Autopilot‘-Verhalten

Gemeinsam mit Prof. Andreas Meyer-Lindenberg, Neuro-Wissenschaftler und Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim, hat stern TV die menschliche Autoritätshörigkeit in Experimenten auf die Probe gestellt. Der Psychologe weiß, weshalb wir uns auch dann an Anweisungen halten, wenn wir ihren Sinn überhaupt nicht erkennen: „Wir folgen Handlungsanweisungen wie im ‚Autopiloten‘, ohne drüber nachzudenken. Und dadurch entlasten wir uns in Situationen von Entscheidungen.“ Autoritäten zu folgen sei eigentlich ein Erfolgsmodell, gerade in Krisensituationen, erklärt Meyer-Lindenberg. „Unser Gehirn ist darauf auch ein Stück weit ausgelegt, vor allem bei Unsicherheit oder wenn man unter Druck steht, solche Hierarchien auszubilden und anzuerkennen.“

Es gibt keine Gesellschaft ohne Hierarchien, selbst wenn es kulturelle Unterschiede gibt. Das machen nicht nur Menschen, auch bei fast allen Tieren gibt es soziale Hierarchien. „Und wenn in einer Gruppe die Hierarchie nicht klar ist, bildet sich ganz schnell eine heraus. Und das ist auch gar nicht schlecht, denn ohne Autoritäten wäre koordiniertes, zielführendes Handeln in Gesellschaften gar nicht möglich.“ Allerdings weiß Meyer-Lindenberg auch: „Nur durch freundliches Verhalten und Signale der Wärme lässt sich dauerhafte Autorität herstellen und festigen. Besonders in flexiblen Hierarchien bleibt nur der oben, der soziale Intelligenz und psychologisches Geschick besitzt und somit die Sympathien auf seiner Seite hat.“

Psychische Erkrankungen durch autoritären Druck

Ein Experiment, das im Rahmen der Forschung am Institut in Mannheim durchgeführt wird, soll zeigen, dass Stress durch autoritäre Behandlung auch schwerwiegende negative Folgen haben kann: Dort untersuchen die Hirnforscher die Wirkung in psychologischen Tests. Die 22-jährige Studentin Anna sollte Logik-Aufgaben am Bildschirm lösen, während ihre Gehirnströme per MRT aufgezeichnet wurden. Was sie nicht wusste: Die Aufgaben, die ihr gestellt wurden, waren in der vorgegebenen Zeit absolut unlösbar. Die Probandin sollte in diesem Experiment scheitern, während sie dabei permanent von Autoritätspersonen – den Versuchsleitern – kritisiert wurde.

Die Auswertung des Hirnscans bewies: In Annas Gehirn wurde die sogenannte Amygdala stark aktiviert, eine Hirnregion, die Flucht- oder Kampfreaktionen auslöst. Normalerweise wird die Amygdala durch unmittelbare Bedrohungen, etwa durch ein wildes Tier, aktiviert. Was das für Langzeitfolgen hat, ist Prof. Meyer-Lindenberg hinlänglich bekannt: Eine dauerhaft übererregte Amygdala führt zu psychischen Erkrankungen! Ständiger Druck und Überforderung durch Autoritäten lösen in unserem Gehirn heftigen Stress aus und machen uns auf Dauer depressiv. Während Anna nach dem Versuch aufatmen kann, ist die Situation für viele Menschen Teil des (Berufs-)Alltags.

„Man gibt sich dem Namen des Sternekochs hin“

In harmlosen Situationen ist die Anerkennung von Autoritäten jedoch sinnvoll und entlastend. Ob wir eine Autorität anerkennen, entscheiden wir aus dem Bauch und meist durch unbewusst wahrgenommene Signale wie eine Uniform oder ein glaubwürdig gestaltetes Hinweisschild. „In wenigen Millisekunden entscheiden Menschen, ob jemand eine Autorität hat. Das sind dann vorläufige Urteile, die durch neue Informationen wieder revidiert werden können. Aber es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass Dinge wie Kleidung, Alter, Geschlecht, Körpergröße und Stimmlage die Folgsamkeit prägen.“

Oder auch der Name und das Wissen um die Autorität, so wie bei Starkoch Christian Rach. Als er die unfreiwilligen Versuchskaninchen nach dem Menü in die Küche bat und ihnen zeigte, was er ihnen tatsächlich vorgesetzt hatte, konnten sie es kaum fassen. Sie rangen um eine Erklärung für ihre enthusiastischen Reaktionen und fanden schließlich auch eine: Man gibt sich dem Namen des Sternekochs hin. Sogar unsere Geschmacksnerven lassen sich von einer Autorität manipulieren.