2016

stern TV-Test mit versteckter Kamera: (SternTV)
So lassen wir uns von Vorurteilen beeinflussen

Viele behaupten von sich, anderen Menschen unvoreingenommen gegenüber zu treten. Die Forschung weiß es besser: Jeder von uns hat Vorurteile. Und sie sind eigentlich etwas Gutes. Was dahinter steckt? stern TV zeigt es.

Frauen können nicht einparken, Osteuropäer sind kriminell, Studenten sind faul und einer Person im weißen Kittel können wir vertrauen – die Schubladen in unseren Köpfen sind gut gefüllt. Jeder Mensch hat Vorurteile. Das kann der Sozialpsychologe Prof. Jens Förster bestätigen, dessen Spezialgebiet die Vorurteils-Forschung ist. Vorurteile zu haben sei normal und sogar hilfreich, sagt er: „Sie geben uns eine Orientierung. Gerade dann, wenn wir Menschen treffen, denen wir noch nie begegnet sind. Dann haben wir ein gewisses Gefühl dafür, ob wir diese Menschen tendenziell für gut halten, oder für  schlecht. Problematisch wird es dann, wenn wir diese Vorurteile gar nicht mehr überprüfen.“

Vorurteile wirken oftmals im Unterbewusstsein“

Wie häufig lassen wir uns von unseren Vorurteilen ungeprüft leiten? Das wollte stern TV in einem Sozialexperiment herausfinden. Lockvogel Christina mimt dafür auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine Notsituation. Die hellhäutige Frau muss dringend telefonieren und ihr Handy streikt, so die Legende. Ergebnis: Alle Passanten leihen der jungen Frau das Telefon. Sie sähe vertrauenswürdig aus, wird auf Nachfrage geantwortet. „Man hat halt Mitleid und möchte dann helfen“, erklärt ein Mann.

Teil 2 des Experiments: Christina wird von einer professionellen Maskenbildnerin umgestylt: Haare, Make-up, nicht einmal ihre Augen bleiben blau. Die Blondine wird in eine ausländisch aussehende Muslima verwandelt. In diesem Outfit bittet Christina erneut um Hilfe: „Entschuldigung, ich habe gerade mit meinem Chef telefoniert, dabei ist mein Akku ausgegangen. Ich müsste mal ganz schnell telefonieren.“ Beim ersten Versuch bekommt die junge Frau das Handy nicht, stattdessen einen Tipp: „Da vorne ist eine Telefonzelle“, so die Passantin, und auf Nachfrage: „Ich dachte, dass sie irgendwo rumtelefoniert und ich hohe Kosten habe. Das war meine Angst. Man kennt ja die ganzen Tricks.“
In einigen Fällen lief es aber auch anders, mehrere Passanten halfen bereitwillig – bis Christina in dem Versuch nicht mehr deutsch, sondern englisch redete. Der erste Passant gab auf Rückfrage an, dass er gefürchtet habe, ihm würde sein Handy gestohlen. Mehrfach unterstellten die Passanten Christina kriminelle Absichten, Betrug oder möglichen Datendiebstahl…
Das Ergebnis dieses Experiments: Christina als blonde Frau halfen 6 von 10 angesprochenen Passanten; Christina als fremdsprachige Muslima nur 3 von 10.

Bei vielen Menschen rufen Ausländer, die wenig mit der eigenen Herkunft und möglicherweise den eigenen Werten gemein haben, offenbar Misstrauen hervor. Doch wie stark beeinflusst das unser Handeln? „Vorurteile wirken oftmals im Unterbewusstsein“, erklärt Psychologe Jens Förster. „Es kommt vor, dass selbst Personen, die voller Überzeugung sagen, dass sie nichts gegen Ausländer haben, sich in der Bahn trotzdem weit weg setzen. Ihnen ist ihr eigenes Vorurteil in diesem Moment gar nicht bewusst. Sie halten sich dennoch für sehr tolerant. Wenn wir uns selbst nicht mehr überprüfen, besteht die Gefahr, dass wir uns für toleranter halten, als wir es eigentlich sind.“

So können wir uns durch Vorurteile selbst schaden

Vorurteile können aber auch hemmend sein, wie ein zweites Experiment zeigt: Der 19-jährige Valentin folgt einer Einladung zum Basketball spielen, er soll bei 15 Würfen auf den Korb möglichst viele Treffer landen. Im ersten Durchlauf stellen wir Valentin vier junge Männer an den Spielfeldrand, gegen die er antreten soll. Sie machen nicht gerade den Eindruck, als seien sie Basketball-Cracks – und das ist gewollt: Valentin soll sich ihnen überlegen fühlen. Der 19-Jährige schlägt sich wacker: Von 15 Würfen trifft er 10 Mal den Korb.

Valentin bekommt im zweiten Durchlauf eine zweite Chance. Seine Herausforderer diesmal: vier hochgewachsene Männer, die wir fast alle Weltklasse-Basketballer schwarz sind. Jens Förster ahnt, was während seiner Würfe in Valentins Kopf vorgeht: „Da scheint das Vorurteil zu wirken: Schwarze sind besser im Basketball. Und deshalb hat er plötzlich Angst zu versagen. Das mindert die Leistung.“ Tatsächlich trifft der 19-Jährige von den 15 Versuchen nur noch sieben Mal den Korb. Ähnlich erging es den weiteren zwei Testkandidaten Melhi und Martin, die ebenfalls in die Vorurteilsfalle tappten. Aus Angst vor der vermeintlichen Konkurrenz verschlechterten sich die Wurfergebnisse jeweils in der zweiten Runde. „Das interessante dabei ist, dass die Jungs noch nicht einmal wissen, wie gut die schwarzen Spieler tatsächlich sein werden“, so der Sozialpsychologe. Die vier sehen zwar aus wie Basketballer, im anschließenden Antreten treffen sie aber keinen einzigen Korb. Dazu Testkandidat Martin: „Wir hätten uns nicht beeindrucken lassen sollen, sondern Taten sprechen lassen und hinterher die Urteile fällen.“

Der Vorurteils-Forscher Jens Förster kennt das aus anderen Settings bereits: „Experimente haben ergeben, dass Blondinen bei Intelligenztests schlechter abschneiden, wenn sie im Vorfeld mit ihrer Haarfarbe konfrontiert werden. Alleine die Kenntnis dieses Vorurteils mindert dann die eigene Leistung. Gleiches ergaben Tests mit Schwarzen, die vorher ihre Hautfarbe ankreuzen sollten – sie schnitten schlechter ab als die schwarze Kontroll-Gruppe, die nicht auf ihre Hautfarbe hinweisen musste.“

Vorurteile gegenüber der eigenen Gruppe, zu der man sich vielleicht zählt, können einem laut Förster demnach auch selbst schaden. Die beiden Experimente hätten gezeigt, dass es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe sei, Vorurteile abzubauen. Aber auch, sich selbst und die eigenen Vorurteile immer wieder zu überprüfen. „Das geht nicht von heute auf morgen, die negativen Assoziationen gegenüber einer bestimmten sozialen Gruppe müssen Stück für Stück ersetzt werden. Am besten hilft dabei der bewusste Kontakt mit Menschen, denen gegenüber wir Vorurteile besitzen.“