2014

Test: Verkauf von Putenfleisch (Stern TV)

Wie viel würden Sie für gutes Putenfleisch ausgeben? Das hat stern TV seine Zuschauer vor einigen Wochen gefragt, nachdem in der Sendung ein Bericht über die Mastbedingungen in der Putenhaltung gezeigt wurde. Denn die Discounter Aldi und Lidl gehen mit dem Fleischpreis immer weiter runter. Wie Tiere für solche Angebote gehalten werden, hatte stern TV untersucht. Die Umfrage-Ergebnisse am Ende der Sendung waren eindeutig: Um ihr Gewissen zu erleichtern waren fast 70 Prozent der Umfrageteilnehmer bereit, 10 Euro oder mehr für 400 Gramm Putenfleisch zu bezahlen.

In einem Verkaufstest hat stern TV den Verbrauchern die Wahl gelassen: An einem Teststand in Berlin wurde Putenfleisch aus Freilandhaltung für 9,99 Euro je 400 Gramm angeboten. Außerdem Fleisch aus Massentierhaltung zum Sonderpreis von 1,99 Euro – fünf Mal billiger und der normale Preisunterschied an deutschen Fleischtheken.

Die Etiketten auf den Verpackungen zeigten ganz eindeutig, wie die Tiere gelebt haben. Mehrere Kunden lobten die Idee, die Herkunft des Fleischs eindeutig zu kennzeichnen, griffen aber doch zu dem preiswerten Fleisch: „Hauptsache es ist nicht so teuer“ / „Mir ist doch egal ob glücklich oder nicht glücklich“ / „Ich bin da ein bisschen abgehärtet ehrlich gesagt“, so die Argumente auf unserer Nachfrage. Das Leben der Tiere schien diesen Kunden egal.

Etiketten zeigen Wirkung auf Geschmacksempfinden

Im weiteren Verlauf des Verkaufstests dürfen die Kunden erst beide Putensorten probieren, bevor sie sich entscheiden. Alle zubereiteten Häppchen sind entweder mit Freiland-Etikett oder mit Fotos aus der Massentierhaltung gekennzeichnet. Was die Kunden nicht wissen: Beide Sorten sind bestes Biofleisch aus Freilandhaltung. Immerhin soll in diesem Test nicht der Gaumen entscheiden, sondern das Gewissen. Auf beiden Probiertellern liegt dasselbe Fleisch. Erstaunlich: den meisten schmeckte das vermeintliche Freilandfleisch deutlich besser.

Eine Kundin entschied sich – obwohl sie keinen Unterschied geschmeckt hatte – trotzdem für das teure Fleisch. Und auch Diskussionen unter Paaren führten schließlich dazu, dass sie das teure Freilandfleisch gekauft haben. Auch der letzte Test-Kunde hat sich für die Freilandpute entschieden – trotz Provokation durch den stern TV-Lockvogel: „Man könnte ja einfach sagen: Tot ist ja tot. Und so eine Mastpute lebt ja bloß zwei Monate.“ Gegenargument des Kunden: „Es geht um die Seele und was damit transportiert wird. So ein Tier wurde vielleicht gehackt und so. Das schreckt mich ab.“

Budget beeinflusst Kaufentscheidung nicht immer

Am Emde des ersten Verkaufstests steht es 14 zu 14: Mitten im Zentrum Berlins haben sich 50 Prozent der Kunden für das 5-Mal-teurere Fleisch aus artgerechter Freilandhaltung entschieden. Ein guter Wert. Doch wird das Ergebnis dort, wo das Geld nicht so locker sitzt, genauso ausfallen? Der Verkaufstest wird nach Berlin Marzahn verlegt, wo viele Bewohner sparsam leben müssen. Auch hier verkauft sich zuerst die Billigpute gut. Bei den meisten Kunden zeigen die Ekel-Etiketten kaum Wirkung. Doch auch in Marzahn finden wir Menschen, die bereit sind, für eine artgerechte Tierhaltung tief ins Portemonnaie zu greifen. Am Ende haben sich im zweiten Test in immerhin 22 Prozent der Kunden für das Fleisch der Freilandpute entschieden. Normalerweise kaufen nur 2,8 Prozent aller Kunden in Deutschland Putenfleisch aus artgerechter Freilandhaltung. Die Idee, auf Fleischpackungen deutlich zu machen, wie die Tiere gelebt haben, scheint sich demnach tatsächlich auf das Kaufverhalten auszuwirken.