2015

Verhaltensexperiment: Wer hilft einer hilflosen angetrunkenen Frau? (Stern TV)

 

Unverhofft ein Glühwein oder ein Bier zu viel, und frau findet sich in einer etwas hilflosen Lage: Wo ist die Handtasche? Wo sind die Freunde? Wie nach Hause kommen? Ob und wie Männer darauf reagieren, hat unser attraktiver und vermeintlich alkoholisierter Lockvogel im Berliner Weihnachtsgetümmel getestet.

 

Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit der Besinnlichkeit, der Nächstenliebe, aber auch der Betriebsweihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte. Und nicht selten wird bei diesen Gelegenheiten etwas mehr getrunken, als eigentlich geplant. Was aber passiert, wenn eine junge, ziemlich alkoholisierte Frau alleine und offensichtlich orientierungslos durch die Gegend läuft? Wird ihr geholfen – oder ihre Lage schamlos ausgenutzt?

Deutschlandweit fallen jährlich mehr als 40.000 Frauen einer Straftat gegen sexuelle Selbstbestimmung zum Opfer. Mehr als 7.000 Frauen werden jährlich vergewaltigt – die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Etwa ein Drittel der Überfälle finden auf Frauen statt, die hilf- und wehrlos sind, weil sie psychisch oder physisch dazu nicht in der Lage sind. Die Folgen für die Betroffenen sind schwerwiegend – insbesondere, wenn sie einen Missbrauch nicht nachweisen oder anzeigen können. Das kommt vor allem vor, wenn K.o.-Tropfen im Spiel waren.

Straßenfest endet mit Vergewaltigung

Die 31-jährige Astrid hat das in diesem Sommer erlebt. Als Mitglied einer karibischen Tanzgruppe nahm sie an einem großen Berliner Straßenfest teil. „Ich trinke eher selten“, sagt sie. „Aber an dem Tag war die Stimmung einfach so gut, und wir haben gemeinsam gefeiert. Ich habe mich gut gefühlt und wollte dieses Gefühl auch mit anderen Menschen teilen. Da habe ich dann auch recht unbedacht von Fremden Drinks angenommen.“

Als Astrid zu torkeln begann, wurde sie belacht, wildfremde Männer betatschten und küssten sie ganz unverfroren. An die darauffolgenden Stunden kann sich Astrid nicht mehr erinnern, alles deutet auf K.o.-Tropfen hin. Fest steht: Im Treppenhaus eines Wohnhauses fiel ein Fremder über sie her. „Ich war völlig unfähig, ihm auszuweichen und war ihm einfach völlig hilflos ausgeliefert. Das war ganz schrecklich“, so die junge Frau. „Ich kann mich nur an diese Dunkelheit erinnern. Und diese Bilder verfolgen mich seitdem, genau wie sein Satz, den er mir am Ende entgegenwarf. Er sagte ‚Ich hoffe du nimmst die Pille‘.“ Insgesamt 13 Stunden später kam sie wieder zu sich, lag halbnackt vor der Wohnungstür einer Freundin. Im Krankenhaus stellte man schließlich fest: Astrid war mehrfach vergewaltigt worden.

Dieser Sonntag im Mai warf Astrid vollkommen aus der Bahn. Die junge Mutter wurde depressiv, traute sich kaum noch aus dem Haus, litt unter Panik-Attacken. In ihrer Verzweiflung unternahm sie sogar einen Suizidversuch. Ihr Ehemann fand sie bewusstlos und konnte in letzter Minute den Notarzt verständigen. Erst während ihres anschließenden Aufenthalts in der Psychiatrie erhielt Astrid erstmals professionelle Hilfe. „Bis dahin hatte ich immer das Gefühl, dass ich daran schuld bin, dass mir das passiert ist“, sagt sie. „In der Klinik habe ich erfahren können, dass es eben nicht meine Schuld ist. Und dass es nicht passiert ist, weil ich es verdient oder selbst provoziert habe. Sondern dass es einfach passiert ist. Und jetzt muss ich lernen damit umzugehen.“ Vor allem aber muss die 31-Jährige damit umgehen, dass sie keine Antwort auf die Frage findet: Warum ist mir damals in meiner Trunkenheit auf dem Straßenfest niemand zur Hilfe gekommen?

Der Weihnachtsmarkt-Test

Ist Trunkenheit tatsächlich eine Lage, in der niemand Mitleid zeigt? Selbst wenn die Situation deutlich zeigt, dass die Person hilf- und wehrlos ist? Natürlich muss man die Risiken des Alkohols kennen. Aber selbst wenn man zu viel getrunken hat, ist es alles andere als ein Freibrief für Männer, die Situation auszunutzen“, sagt die Verhaltensforscherin Dr. Christiane Tramitz.

Wir haben den Test gemacht und den vermeintlich betrunkenen Lockvogel Sina ins Berliner Weihnachtsgetümmel geschickt. Ihre Legende: Sina ist eine stadtfremde Geschäftsfrau, die mit zwei Kolleginnen nach einer Firmenfeier noch auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs war und beide verloren hat. „Am meisten gestört haben mich die Blicke der Männer, die mich direkt auf das reduziert haben, was sie sehen, ohne zu wissen welchen Hintergrund meine Situation hat“, sagt die 24-jährige Schauspielerin im Nachhinein.

Doch zunächst zum Test: Die versteckte Kamera fängt ein, wie die Menschen reagieren. Gehen sie auf Sina zu, um ihr zu helfen und ihre Freundinnen zu finden? Oder haben sie eher zwielichtige Intentionen und nutzen die Situation aus?

Erster Helfer nach 20 Minuten

Alle, die an Sina vorübergehen, bekommen ihren erbärmlichen Zustand mit. Sie wird begafft, schamlos mit dem Handy gefilmt, zum Weitertrinken eingeladen, bekommt dumme Sprüche zugeworfen, wird von Wildfremden betatscht und geküsst … Es dauert fast 20 Minuten, bis sich endlich ein Mann ihrer ehrlich annimmt. Er hebt ihre Tasche auf und erkundigt sich, was los ist. Dann nimmt er Sinas Handy und ruft ihre Freundin Sandra herbei und will so lange warten, bis diese auch auftaucht. Unseren Lockvogel alleine zu lassen ist für ihn keine Option, sagt er auf Nachfrage des Teams: „Wenn eine Frau so rumsteht und so stark alkoholisiert ist – das ist schon schwierig. Grade hier am Alexanderplatz, wo viel los ist. Da bin ich dann schon sehr bedacht.“
Dieser Mann hat sich vorbildlich verhalten, meint auch Christiane Tramitz. Eine andere Möglichkeit ist: „Falls man Berührungsängste hat, wäre das richtige Verhalten, Funktionsträger wie Security, Polizei oder Sanitäter auf die hilflose Frau aufmerksam zu machen.“

Doch in den meisten Fällen passierte das nicht: Der nächste Mann möchte, dass Sina bei ihm zuhause schläft. Als sie ablehnt, versucht er sie mit den Worten „Sonst wird dir keiner helfen“ unter Druck zu setzen. Seine Hände verweilen dabei verdächtig lange auf ihrem Körper.
Ein älterer Herr, lässt auch nach mehrfacher Aufforderung nicht von Sina ab – und er folgt ihr sogar, nachdem sie flüchtet.

Ein Weiterer hat noch mehr im Sinn: Unter dem Vorwand, er hätte Sinas Freundin an der nächsten Ecke gesehen, lockt er sie weg vom Weihnachtsmarkt zu seinem Auto. Sie sagt: „Ich soll ins Auto mit dir gehen? Ich komm nicht mit zu dir, ich hoffe das ist klar!“ Der Mann hört nicht auf Sinas klares „Nein“. Schlimmer noch: Er fängt an, sein vermeintlich hilfloses Opfer zu befummeln. „Fass mich da nicht an! Ich mein das ernst!“, ruft sie. das Team muss einschreiten. Christiane Tramitz kennt solche Situationen. Die Kommunikationsexpertin sagt: „Wenn ein Mann von einer Frau einmal ein ‚Ja‘ gehört hat, blendet er darauffolgende ‚Neins‘ aus, selbst wenn sie energisch formuliert sind. Zum Beispiel ‚Ja, ich finde dich nett, aber nein, ich komm nicht mit dir mit‘ oder ‚Nein, ich schlafe nicht mit dir!‘.“

Ernüchterndes Fazit

Das Verhaltensexperiment hat die Grundvermutung bedauerlicherweise bestätigt: In vier Stunden wurde Lockvogel Sina nur drei Mal geholfen, davon  zwei Mal von Frauen. Und einmal von einem Mann, der – wie sich rausstellte – ein Polizist in Zivil war. Andere Männer hingegen haben die vermeintliche Hilflosigkeit der offensichtlich stark beschwipsten Frau schamlos ausgenutzt.

Ein ähnliches Experiment machte die Entzugsklinik „Neurosalus“ vor wenigen Monaten in der spanischen Stadt Madrid. Darin gab eine Schauspielerin ebenfalls vor, betrunken zu sein und ihre Freundinnen verloren zu haben. Die Reaktionen der männlichen Passanten waren vielfach ähnlich: Anstatt der Frau zu helfen, drängten sie sie zum Weitertrinken. Einer wollte sie sogar in ein Hotelzimmer schleppen. Ein anderer küsste und befummelte sie gleich auf der Straße. Außer dem Kamerateam schritt niemand ein.
Dabei wäre es so einfach, findet Christiane Tramitz: „Wenn man Augenzeuge einer Belästigung wird, sollte man den Täter keinesfalls aggressiv konfrontieren“, so der Tipp von Christiane Tramitz.“Eine gute Variante wäre beispielsweise: So zu tun, als kenne man die belästigte Person, hätte sie verloren und wäre nun froh, sie wiedergefunden zu haben.“ Alles ist besser, als eine Frau sich in einer solchen Lage selbst zu überlassen, wie Astrids trauriger und unzählige andere – nicht konstruierte – Fälle zeigen.