2015

Verstörendes Experiment: Diese Ferkel werden live verarbeitet (Stern TV)

Vor den Augen schaudernder Käufer wird ein niedliches Ferkel „frisch gehackt“ und zu Wurst verarbeitet. Wie reagieren die Käufer, wenn sie mit einer vermeintlichen Schlachtung konfrontiert werden? Wir haben den Test gemacht.

Ob Gulasch, Schnitzel oder Braten, Schinken, Salami oder Bratwurst – für die meisten Deutschen gehört Fleisch mindestens einmal pro Tag zum Essen dazu. Und so isst jeder im Durchschnitt über 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Allerdings interessiert uns nur selten, woher es kommt und unter welchen Bedingungen es hergestellt wird. Wer will schon wissen, wie aus dem lebendigen Tier eine Wurst entsteht? Den Gedanken, dass für das Stück Fleisch oder die Salami Tage zuvor ein lebendiges Tier gestorben ist, schiebt man beim Essen gern beiseite. Die Verdrängung beginnt schon beim Einkauf der säuberlich abgepackten Stücke und Scheiben. Bilder von Schlachtungen und toten Tieren kann man da leicht verdrängen.

„Frischeste Wurst Deutschlands“

Wir haben es den Käufern in einem Test unmöglich gemacht, sich diesen Gedanken zu entziehen: Wie reagieren Kunden aber, wenn sie unmittelbar mit einer vermeintlichen Schlachtung konfrontiert sind? Ihre Kommentare: „Schweinetöter“ / „Mir ist der Appetit vergangen“ / Tierquälerei“… Und das kam so: Auf einem Wochenmarkt in Frankfurt an der Oder haben wir mit der Genehmigung des Veterinäramts den Marktbesuchern „Deutschlands frischeste Wurst“ verkauft. Nie war ein Werbeslogan wahrer: Lockvogel Henry gab den Metzger. Sobald die Kunden eine Bestellung aufgaben, ging bei der „Ferkeldirektverwurstungssmaschine“ die Klappe auf, das quicklebendige Tier wurde hineingesetzt – und unter Quieken und Rumpeln kam die frische Wurst heraus.*

Doch sobald unser Lockvogel die vermeintliche Sofortschlachtung und -verwurstung inszenierte, verging den meisten der Appetit. „Ich kann doch nicht die Wurst essen, wenn ich eben noch das Ferkel auf dem Arm sehe“, so eine Marktbesucherin. So unmittelbar mochten sie alle dann doch nicht vor Augen geführt bekommen, wie in Sekunden aus einem lebendigen Schweinchen essbare Wurst wird. Eine Kundin brachte die Haltung der meisten Marktbesucher auf den Punkt: „Im Schlachthof ist man ja nicht dabei. Ich will es einfach nicht so hautnah sehen, wenn es umgebracht wird.“

Sich mit der Schlachtung auseinandersetzen muss keine Vegetarier aus uns machen

Besucher eines Dänischen Schlachthofes hingegen wollen das sehen. Im Jahr 2005 eröffnete in der Nähe von Aarhus einer der größten Schweineschlachthöfe Europas, in dem täglich rund 20.000 Tiere getötet und verarbeitet werden. Jeder, der möchte, kann dort alle Schritte der industriellen Schlachtung und Fleischverarbeitung durch große Glasscheiben verfolgen: vom Gang der Schweine zur Schlachtbank, über das Ausnehmen und Zerteilen der Tiere bis zum Abpacken der fertigen Fleischprodukte. Neben den Kunden nutzen vor allem Schulklassen das Angebot. Bisher hat das Unternehmen mit seiner gläsernen Strategie nur gute Erfahrungen gesammelt, sagt die Sprecherin: „Ich habe niemanden getroffen, der hier weggegangen ist und gesagt hat: ‚Ich werde nie mehr Fleisch essen‘. Und wir hatten bisher mehr als 200.000 Besucher.“

Auch Starköchin Sarah Wiener unterstützt eine offene Auseinandersetzung mit der Ware Fleisch. Man dürfe Fleisch guten Gewissens essen, solange man es mit Respekt tue und sich klar mache, dass es sich um ein tierisches Produkt handelt. Man müsse sich – und vor allem Kindern – bewusst machen, dass für den Fleischgenuss Tiere ihr Leben lassen. „Erst durch einen Bezug zu dem Tier lernen wir zu schätzen, was das Fleisch bedeutet, das bei uns auf dem Teller liegt – und gehen damit verantwortungsbewusster um“, sagt Sarah Wiener. „Das wurde mir allerdings auch erst bewusst, nachdem ich selbst Schlachtungen beigewohnt habe und auch selbst geschlachtet habe. Lieber esse ich weniger oft Fleisch, dafür aber qualitativ hochwertiges von einem glücklichen Tier.“ Heutzutage gingen vor allem die Deutschen viel zu verschwenderisch mit den Tierleben um. Fleisch sei das kostbarste und eigentlich auch teuerste Lebensmittel. Und dennoch werde so viel davon weggeschmissen, so die Starköchin. Und damit hat sie leider Recht: Viel zu häufig landen Fleisch und Wurst im Müll: 346 Millionen Kilogramm waren es allein im letzten Jahr. Das sind 4,3 Kilogramm pro Bürger oder 8.500 LKW-Ladungen Fleisch. „Ich empfehle, den Fleischkonsum auf ein Minimum einzuschränken.“

Ein fleischloser Tag pro Woche verschont 140 Millionen Tiere

Ein unnötiges Sterben von Tieren für das eigene Essen lässt sich nicht nur als Vegetarier vermeiden. Schon ein etwas verantwortungsvollerer Umgang mit Fleisch und der nötige Respekt vor den Tieren, die dafür geschlachtet werden, wären Schritte in die richtige Richtung. Wie wäre es beispielsweise mit zwei oder drei fleischlosen Tagen pro Woche? Bereits wenn alle Deutschen einen Veggieday pro Woche einlegen würden, müssten 140.000.000 Rinder, Schweine und Hühner weniger geschlachtet werden. Darüber hinaus ließen sich zwei Millionen Tonnen Getreide für Tierfutter einsparen, auf deren Anbauflächen könnte Nahrung für mehr als acht Millionen Menschen wachsen.

* Übrigens: Die „Ferkelverwurstungsmaschine“ gibt es natürlich nicht wirklich, sondern wurde extra für das Experiment von einem Spezialisten für Theaterrequisiten angefertigt. Das schreckliche Betriebsgeräusch wurde am Computer erstellt. Die beiden Ferkel Betty und Tina sind zwei filmerfahrene Mini-Schweine, denen selbstverständlich keine Borste gekrümmt wurde. Bei jedem Versuch landeten sie durch eine Tischklappe unversehrt in den Armen von Tierärztin Michaela – und bekamen ein Leckerli.

12212308_10208158156099489_462735957_n12226503_10208158153219417_820265325_n