2016

Warum es so schwierig ist, mutig zu sein (SternTV)

Was ist wahrer Mut? Und wer ist warum und in welchen Situationen mutiger als andere? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der stern TV-Test aus der Reihe „Psycho-Experimente“.

Sich an einem Bungee-Seil in die Tiefe stürzen, oder einem Politiker bei einem Treffen mal ordentlich die Meinung zu sagen, ein Feuerwehrmann, der noch einmal in das brennende Haus rennt – ohne Frage erfordern solche Aktionen viel Mut. Doch wie sieht es eigentlich mit kleinen Herausforderungen im Alltag aus? Etwa im dunklen Parkhaus alleine zum Auto zu gehen, oder in einen Fahrstuhl einzusteigen, in dem äußerst düstere Gestalten stehen? stern TV hat den Test gemacht und Passanten mit versteckter Kamera in solchen Situationen beobachtet.

Unbekanntes macht Angst

Als erstes Testsetting hat stern TV einen Aufzug in einem Berliner Parkhaus gewählt. Drinnen stehen zwei „Rocker-Typen“: Uwe und Dieter – eigentlich nette Kerle mit absolut sauberen Führungszeugnissen. Allerdings sehen sie überhaupt nicht danach aus. Wer hat den Mut einzusteigen, wenn die beiden – obwohl das nicht stimmt – unmissverständlich und düster verkünden: „Hier ist voll!“
Ergebnis: Tatsächlich ließen sich die meisten Personen einschüchtern und nahmen lieber die Treppe oder warteten auf den nächsten Fahrstuhl. Laut Psychologe und Wagnis-Forscher Dr. Siegbert Warwitz liegt das daran, dass man sich besonders vor Unbekanntem fürchtet: „Menschen, die schon Erfahrungen mit solchen Personen gemacht haben und die wissen: ‚Die sind gar nicht so gefährlich, wie sie aussehen. Die machen bestimmt nur einen Scherz‘, die werden sich der Situation stellen.“ Das bestätigte sich, als ein Mann, der als Außendienstarbeiter viel in der Welt herumgekommen ist, den Aufzug trotz Rocker-Ansage betrat mit den Worten „Ich mach mich auch nicht so dick.“ Offenbar ist der Mann den Umgang mit schrägen Typen gewohnt. Psychologe Warwitz hat aber auch Verständnis für diejenigen, die den Rockern nicht über den Weg trauten: Es beweise zwar Mut, sich jedweder Herausforderung zu stellen, sei aber nicht immer sinnvoll, so Experte „Wenn man eine Situation nicht richtig einzuschätzen weiß und sie einem bedrohlich erscheint, ist es oft vernünftiger, auf seinen Mut zu verzichten und sich dieser Situation nicht auszusetzen.“

Frauen haben mehr sozialen Mut

In Situationen, in denen Leib und Leben wehrloser Menschen gefährdet ist, kann  mutiges Handeln allerdings durchaus angebracht sein. In den vergangenen Jahren hat stern TV derartige Situationen mehrfach mit Schauspielern ausprobiert und das Verhalten der Passanten getestet: Etwa, indem ein offensichtlich überforderter Vater sein Baby anschreit und sogar nach ihm schlägt. Die Puppe im Kinderwagen und das Weinen vom Tonband waren für die Passanten nicht auszumachen. Ergebnis: Die meisten der Passanten starrten den Vater zwar an, gingen aber doch weiter – bis zwei Frauen die Polizei verständigten und den Vater auf seine Überforderung ansprachen.

In einem weiteren Test simulierte stern TV eine Situation, in der ein junger Mann an einer Bahnhaltestelle von zwei aggressiven Jugendlichen zusammengeschlagen wurde. Kaum jemand zeigte den Mut einzuschreiten. Bis auf: eine Frau.
Siegbert Warwitz kann bestätigen, dass es meist Frauen sind, die in Konfliktsituationen Mut und Zivilcourage zeigen. Durch ihre höhere Empathie-Fähigkeit können sich Frauen besser in die Opfer hineinversetzen; durch ihre ausgeprägten Kommunikationsqualitäten gelingt es Frauen auch leichter, Konflikte zu lösen. „Frauen haben einen Helfer-Impuls, der so stark sein kann, dass ihre eigene Angst dann keine Rolle spielt“, so der Psychologe. „Bei Männern ist es umgekehrt, die eigene Sicherheit steht im Vordergrund. Erst dann stellen sie sich die Frage: Kann ich anderen beistehen, ohne mich selbst zu gefährden?“

Ungeschminkt in der Diskothek

Manchmal sind es geradezu lächerlich kleine Dinge, die Mut erfordern. stern TV testete etwa, wer in einer Diskothek bereit ist, seine sorgfältig gemachten Haare zu zerstören oder sich komplett abzuschminken – mitten im aufgebrezelten Partyvolk. „Wer in eine Disco geht, möchte schön sein, alle andern machen sich auch optimal attraktiv. Sich abzuschminken bedeutet, man muss den Mut haben, weniger schön zu sein, als man sein könnte“, erklärt Siegbert Warwitz. „Diesen Mut bringt nur auf, wer genügend Selbstbewusstsein hat – und die Fähigkeit, sich vom Urteil anderer unabhängig zu machen.“

stern TV hat in diesem Experiment die Testpersonen vorher – ohne Hinweis auf das Thema – einen Fragebogen ausfüllen lassen, in dem sich die Frage versteckte: Wie wichtig ist Ihnen die Meinung anderer? Warwitz‘ These bestätigte sich: Nur wem die Meinung anderer laut Fragebogen unwichtig ist, traute sich im anschließenden Test, sich abzuschminken oder – bei Männern – die gestylten Haare auszubürsten. Auch zu so einer Aktion gehört Mut, der in dieser Weise zum Glück nicht allzu oft verlangt wird.

Mut ist, sich aus der Masse herauszuheben, anders als die Gruppe zu sein und dazu zu stehen oder für seine Überzeugung uns sein Tun auch mal aus der Reihe zu treten. Mut darf aber keinem Zwang unterliegen, das wäre kontraproduktiv.