2015

Wie Kunden von Schlüssel-Notdiensten abgezockt werden (Stern TV)

Das ist vielen von uns schon passiert: Unversehens fällt die Wohnungstür ins Schloss, der Schlüssel aber liegt drinnen. Ausgesperrt! Wer nicht einen Ersatzschlüssel in erreichbarer Nähe hat, der ist wohl oder übel auf einen Schlüssel-Notdienst angewiesen. Und das kann teuer werden, wie sich im stern TV-Test zeigte. In unserer Altbau-Testwohnung in Berlin, ausgestattet mit versteckten Kameras, legte sich das Team auf die Lauer um acht Schlüsselnotdienste zu testen.

 

Mehr als 400 Euro für sekundenschnelles Türöffnen
Das Türschloss sollte für Profis kein größeres Problem sein, weiß Frank Schirrmacher, Sachverständiger für Sicherheitstechnik: „Diese Tür zu öffnen, ist eigentlich ein Klacks.“ Unabgeschlossen ließ sie sich mit einer Scheckkarte binnen fünf Sekunden aufsperren. In einem Ballungsraum wie Berlin darf eine einfache Öffnung laut „Bundesverband Metall“ in der Zeit zwischen 8 und 18 Uhr 84 Euro kosten, zwischen 18 und 22 Uhr 126 Euro.

Lockvogel Laura rief am frühen Nachmittag den Notdienst: Angeblich war ihr ein klassisches Missgeschick passiert. Sie hatte sich beim Müll rausbringen ausgesperrt. Trotz des Versprechens, in wenigen Minuten da zu sein, wartete Laura mehr als eine Stunde. Nachdem der Mann die Tür inspiziert hatte, rechnete er Lockvogel Laura bereits vor: „Das kostet jetzt 159 Euro Einsatzpauschale, An- und Abfahrtskosten 30 Euro. Und dann kommen noch 100 Prozent Zuschlag dazu. Diese Preise sind vom Verband Deutscher Schlüsseldienste so vorgegeben“, behauptete er. Diesen Satz hören Betroffene regelmäßig von den Vertretern der Notdienste, Frank Schirmacher weiß jedoch: „Das stimmt so nicht! Es gibt keine Preisvorgaben von diesem Verband!“

Darüber hinaus riet der Handwerker Lockvogel Laura dazu, sich das Geld über eine Mogelei von der Versicherung zurückzuholen, indem sie jemanden finden sollte, der eine Hausrat- oder Haftpflichtversicherung habe und behaupten sollte, er habe Lauras Schüssel abgebrochen. Frank Schirrmacher ist entsetzt: „Das ist Anstiftung zum Versicherungsbetrug, das geht überhaupt gar nicht.“ Zudem sei ihm kein Fall bekannt, in dem der Schlüsselnotdienst über die Versicherung abgedeckt sei.

Übrigens hatte der betreffende Handwerker die Tür tatsächlich in wenigen Sekunden geöffnet. Für diesen Kurzauftritt berechnete er Laura 414,18 Euro – fast das Fünffache des vom Bundesverband Metall empfohlenen Preises von 84 Euro. Eindeutig Abzocke.

 

Gemeinsame Call-Center und Preisabsprachen
Für den zweiten konstruierten Fall suchte sich unser Lockvogel einen Service in den Gelben Seiten. Am anderen Ende der Leitung: derselbe Mann, den sie im ersten Fall am Apparat hatte. Auf die Frage nach einer ungefähren Vorab-Preisauskunft kommt das gleiche Argument, wie beim ersten Mal: „Ich muss mir erst anschauen, wie die Tür beschädigungsfrei aufgeht und suche Ihnen die kostengünstigste Variante.“ Der Monteur, den das offensichtlich gemeinsame Call-Center schickte, trug ein anderes Firmenlogo. Die Preise aber kamen uns bekannt vor: „Erstmal 159, da sind 15 Minuten Arbeitszeit drin“, so der Mann. „Plus An- und Abfahrt. Und dann nochmal 159. Dazu kommt dann noch die Mehrwertsteuer.“ Macht zusammen wieder: 414,18 Euro! Experte Frank Schirrrmacher glaubt nicht an einen Zufall: „Wir haben jetzt zwei Unternehmen mit unterschiedlichen Rufnummern. Wir haben die gleiche Stimme am Ende der Leitung. Wir haben gleiche Preise, obwohl es absolut unterschiedliche Unternehmen sind. Das sieht für mich nach einer Preisabsprache aus.“ Preisabsprachen sind in Deutschland streng verboten. Also wieder ein unseriöses Unternehmen.

Lockvogel Nummer Zwei ist Evelyn, eine 83-Jährige, die sich aussperrte, als sie mit dem Hund Gassi gehen wollte. Die Telefonnummer des Schlüsseldienstes entnahm sie diesmal einem Briefkastenaufkleber. Die Überraschung: Am Telefon bekommt Evelyn einen Festpreis von 59 Euro genannt. Zudem traf der Handwerker tatsächlich innerhalb der versprochenen 45 Minuten ein. Nach dem sekundenschnellen Öffnen der Tür berechnete der Mann tatsächlich nur 59 Euro. Frank Schirrrmacher ist zufrieden: „Der Preis stimmte, er hat die Situation der älteren Dame sehr gut erkannt, war entgegenkommend, hat fachlich ein gutes Auge gehabt. Das war eine sehr, sehr gute Arbeit.“

 

Nur ein fairer Schlüsseldienst im Test
Doch so lief es in den allerwenigsten Fällen. Abzocke scheint in dieser Branche an der Tagesordnung. In Evelyns zweitem Fall etwa, war die telefonische Preisauskunft moderat: Sie bezahle eine Pauschale von 45 Euro und 20 Euro pro angefangene Viertelstunde Arbeit. Für den einminütigen Einsatz rechnete der Monteur der alten Dame dann aber vor: „Für die Öffnung verlangen wir eine einmalige Arbeitspauschale von 69 Euro und eine Einsatzpauschale von 100 Euro. Nach 16 Uhr kommt ein Zuschlag dazu, das sind insgesamt 178,50 Euro. Plus Mehrwertsteuer sind das dann 247,50 Euro.“ Evelyns Bargeld reichte dafür nicht aus. „Dann müssen wir zur Bank gehen“, verlangte der Berliner. Statt ihr einfach eine Rechnung dort zu lassen, wollte der Mann die 83-jährige gehbehinderte Frau tatsächlich dazu bringen, mit ihm im Dunkeln zum Bankautomaten zu marschieren.

Schlüsseldienste haben dem stern TV-Test nach zu urteilen nicht zu Unrecht einen miserablen Ruf. Das Fazit der Testreihe: Von den acht Schlüsseldiensten hat ein einziger gute Arbeit zu einem super Preis abgeliefert. Ein Schlüsseldienst war etwas überteuert und damit mittelmäßig. Die Preise aller andern waren schlichtweg unverschämt und eine Abzocke.

Wer einem extrem überteuerten Preis nicht traut, könne die Rechnung durchaus vom Anwalt oder von der Verbraucherzentrale überprüfen lassen, rät der Experte für Sicherheitstechnik Frank Schirrmacher: Über das Gericht könne festgestellt werden, ob es sich dabei um Wucher handele. Schirrmacher empfiehlt außerdem, sich für den Fall der Fälle ein oder zwei Nummern guter Schlüsseldienste im Handy abzuspeichern, die man zum Beispiel bei der örtlichen Polizei oder bei den Handwerkskammern erfragen könne.