2015

Wie (seriös) arbeiten Schuldnerberatungen? (Stern TV)

Christian Schönemann ist hoch verschuldet. Ohne eigene Schuld. Und so wurde er von schlaflosen Nächten geplagt und von Inkassounternehmen gejagt. Dann fand er einen Weg aus der Misere. Wie schwer das ist, zeigt unser Test: Christian Schönemann spielte dabei den Lockvogel.

Knapp 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland stecken in den Miesen. Das ist hierzulande keine große Kunst, denn fast überall kann man mit Geld einkaufen, das man gar nicht hat. Ob oder oft auch durch unverschuldete Schicksalsschläge

Verschulden kann man sich aber auch durch unkontrolliertes Internetshopping, unwirtschaftliches Haushalten – oder ohne eigenes Zutun, wie die Geschichte von Christian Schönemann zeigt. Ihn traf es völlig unvorbereitet: Als der Landschaftsgärtner vor 15 Jahren von einem mehrmonatigen Arbeitseinsatz nach Hause kam, sei seine Wohnung von seiner damaligen Freundin geplündert worden, ebenso wie seine Konten. Zudem habe sie unzählige Versandhausbestellungen auf seinen Namen getätigt – und sei dann spurlos verschwunden. Der damals 20-jährige verklagte die Frau, doch sie blieb unauffindbar.  Christian Schönemann trägt den einst gigantischen Schuldenberg von 250.000 Euro noch heute ab.

Über Jahre hatte sich Christian Schönemann eingeschränkt, jeden Job angenommen und beinahe rund um die Uhr gearbeitet, um die Schulden zu bewältigen. Durch Fleiß und die großzügige Hilfe von Freunden und Verwandten schaffte er es nach eigener Aussage, innerhalb von neun Jahren den Großteil davon abzubezahlen. Doch dann kündigte ihm sein Chef, und sein Briefkasten quoll erneut über vor Mahnungen und Schreiben von Inkasso-Firmen. Er wandte sich schließlich an eine Schuldnerberatung. Rechtsanwalt Jürgen Frank ist auf Insolvenzrecht spezialisiert. Er verschaffte sich zunächst einen Überblick über die Verbindlichkeiten von Christian Schönemann, schrieb alle noch verbliebenen Gläubiger an und stellte eine Restschuld von genau knapp 19.000 Euro fest.

Verbraucherinsolvenz als zeitlich begrenzter Ausweg

Die Schuldnerberatung leitete für den 33-Jährigen die Schritte zur Entschuldung einer Privatperson ein. Dabei ist der erste Schritt stets der Versuch eines so genannten außergerichtlichen Vergleichs mit den Gläubigern: Alle sollen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, den Rest bezahlt der Schuldner in überschaubaren Monatsraten ab. In Christian Schönemanns Fall waren dazu nicht alle Gläubiger bereit, so dass ihm nur die Verbraucherinsolvenz blieb. Konkret: Seit der Eröffnung seines Insolvenzverfahrens wird sechs Jahre lang ein Teil von Christian Schönemanns Einkommen vom Insolvenzverwalter eingezogen. Wie hoch der Anteil ist, richtet sich nach seinen wirtschaftlichen Verhältnissen.

Der inzwischen 35-Jährige weiß, dass er sich schon viel früher hätte professionelle Hilfe holen sollen. Wie viele Schuldner hatte er die rettende Maßnahme viel zu lange vor sich hergeschoben. Wenn nun alles nach Plan läuft, wird Christian Schönemann am 14. August 2020 endlich wieder schuldenfrei sein.

Wartezeiten bei kostenlosen Beratungsstellen lang

Wie schwer es ist, in so einer Misere unter vermeintlich professionellen Schuldnerberatungen seriöse Hilfe zu finden, zeigt der stern TV-Test mit versteckter Kamera, für den Christian Schönemann den Lockvogel spielte. Zwar bieten öffentliche Schuldnerberatungsstellen kostenlos Hilfe an – etwa von Trägern wie der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt, dem Diakonischen Werk, dem Deutschen Familienverband und von den Verbraucherzentralen. Doch auf die Prüfung des Einzelfalls müssten die Schuldner oft lange warten, sagt Susanne Wilkening, Leiterin der Berliner Schuldnerberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt: „Wir haben tausende Ratsuchende, aber nur 100 Berater.“

Wer dann in seiner Not im Internet sucht, landet schnell bei den privaten Schuldnerberatern. Dieser Begriff sei jedoch als Berufsbezeichnung nicht geschützt, warnt Wilkening. Theoretisch darf sich jeder so nennen, auch ohne jede Ausbildung. Verhandlungen und Vergleiche dürfen nur Anwälte, Steuerberater und die staatlich anerkannte Schuldnerberatungsstellen durchführen. Das müsse einem klar sein.

Abzocke am Rande der Legalität

Schwarze Schafe unter den Schuldnerberatern sind nicht die Regel, im stern TV-Test erlebten Lockvogel Christian und Susanne Wilkening dennoch manche Überraschung. Im ersten Fall wischte der Berater die Möglichkeit eines außergerichtlichen Vergleichs mit den Gläubigern sofort vom Tisch, ohne sich Christians Unterlagen überhaupt angeschaut zu haben. Stattdessen rät er zur Insolvenz, in der Christian trotzdem allen Luxus haben könne, wenn er ein paar Tricks anwende. Dann setzte er seinen Mandanten unter Druck, den Vertrag über das Beratungshonorar von 1.200 Euro direkt zu unterschreiben. Eine angemessene Entlohnung für einen privaten Schuldnerberater, wären laut unserer Expertin etwa 650 Euro.

Der zweite private Schuldnerberater wollte ad hoc eine Monatsrate von 100 Euro festlegen, die der Lockvogel ab sofort an ihn zahlen sollte – noch bevor mit den Gläubigern die Bedingungen für einen Vergleich geklärt waren. Laut Expertin ein absolutes No-go. Mit Nachdruck versuchte auch er Christian zur Vertragsunterschrift zu bewegen. Doch: Wichtige Leistungen einer Schuldnerhilfe wie das Verhandeln mit Gläubigern, anwaltliche Unterstützung und die Betreuung während eines Insolvenzverfahrens tauchten darin überhaupt nicht auf.

Beim Thema „Vergleich mit den Gläubigern“ macht unser dritter Testkandidat anders als sein Vorgänger klar: Um eine Rate festzulegen, wäre es noch viel zu früh. Dieser Berater beschönigte nichts, setzte Christian sachlich über eventuelle Einschränkungen bei einer Entschuldung in Kenntnis, machte ihm aber dennoch berechtigte Hoffnung. Und er drängte Christian nicht zum Vertragsabschluss. Eine Prüfung durch Susanne Wilkening ergab: Diesen Vertrag hätte Christian guten Gewissens unterschreiben können. Für angemessene 627,75 Euro hätte das Unternehmen ihn wohl professionell auf dem Weg aus den Schulden begleitet.

Fazit: Von sechs privaten Schuldnerberatern war nur unser Testsieger uneingeschränkt empfehlenswert, ein zweiter hatte seine Sache ordentlich gemacht. Die restlichen vier erwiesen sich als unprofessionell und unseriös.

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