2013

Psychoexperiment: Zivilcourage (Stern TV)

Wer greift ein, wenn Eltern ihre Kinder schlagen?

Kinder körperlich zu züchtigen ist kaum mehr vorstellbar. Sie haben per Gesetz ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Doch greifen Fremde ein, wenn ein Kind misshandelt wird? stern TV hat es getestet.

Ein Vater malträtiert sein Baby im Kinderwagen, eine Mutter verprügelt ihre Tochter in einem Wohnmobil, ein Vater ohrfeigt seine Tochter im Supermarkt – was im stern TV-Test nur gespielte Situationen sind, ist für viele Kinder Wirklichkeit: Laut einer Forsa-Umfrage geben 40 Prozent der Eltern zu, ihre Kinder mit einem Klaps auf den Hintern zu bestrafen. 10 Prozent der Mütter und Väter schrecken vor einer Ohrfeige nicht zurück und vier Prozent verprügeln ihre Kinder sogar. Derart körperliche Züchtigungen sind keine privaten Erziehungsangelegenheiten, sondern strafbar: Das Bürgerliche Gesetzbuch schreibt seit 2000 fest, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. „Sobald die Grenze zur Gewalt überschritten ist, ist es eben keine Privatsache mehr“, sagt Diplom-Pädagogin Katia Saalfrank, die für stern TV die Schlüsselszenen analysiert. „Die Rechte des Kindes sind geschützt und da müssen wir auch einschreiten!“ Denn auch wer in Notsituationen nicht hilft, macht sich mitunter strafbar. Die erschütternde Bilanz: Jede Woche sterben in Deutschland etwa drei Kinder an den Folgen häuslicher Gewalt.

Doch wie reagieren Außenstehende, wenn ein Kind vor ihren Augen geschlagen und misshandelt wird? Wie viele Menschen schauen weg? Wer greift ein? stern TV hat den Test gemacht.

Einschreiten nur bei Babymisshandlungen

In einem Tonstudio in Berlin nehmen Mandy und ihre siebenjährige Tochter Nele heftige Streit- und Prügelgeräusche auf. In einem Wohnmobil neben einer Kirche in Potsdam legen wir los: Nele flieht vor ihrer keifenden Mutter. Mandy zerrt das weinende Kind mit Gewalt zurück nach drinnen. Kurz darauf ertönen unüberhörbar die Tonaufnahmen. Niemand kommt dem Mädchen zu Hilfe. Außer langen Gesichtern und Ausreden gibt es keine Reaktionen der Passanten. Man möge sich nicht einmischen, man wage sich dort nicht hinein. „Ich sah keine Gefahr, das war nicht gefährlich“, so ein Mann auf Nachfrage. Er ohrfeige seine Kinder auch manchmal.

Im nächsten Versuch stibitzt die neunjährige Nina im Supermarkt ein Päckchen Bonbons und wird von ihrem Vater, Lockvogel Sascha, mit einer heftigen Ohrfeige bestraft – realistisch, aber gespielt. Doch auch hier: nur Verwunderung, Zurückhaltung, sogar Zuspruch. Ein Mann behauptet, er habe seine Kinder auch mit Schlägen erzogen und Sascha habe genau richtig gehandelt.

Nur unser Lockvogel in der dritten Testsituation wird von Passanten angesprochen: Ein Vater schlägt – offenbar völlig überfordert – mitten in der Fußgängerzone mit einer Zeitung auf seinen Kinderwagen ein. Darin: eine Puppe und ein MP3-Spieler mit lautem Babygeschrei.

Zu den übrigen Situationen zeigt sich ein erstaunlicher Unterschied: Wird ein Baby misshandelt, schreiten Mitmenschen wesentlich engagierter ein. Ein Ehepaar fragt den Mann, ob er Hilfe brauche. Zwei Frauen verständigen sofort die Polizei. Besonders couragiert: Babett Vogelsang. Die 45-Jährige stellt sich mutig zwischen Vater und Kinderwagen und versucht unseren Lockvogel zur Vernunft zu bringen. „Ich kann überhaupt nicht sagen, was mir durch den Kopf ging, ob ich Angst hatte oder Befürchtungen, dass mir etwas passieren könnte“, so die Frau. „Ich hatte einen Tunnelblick und dachte nur ‚Da muss ich jetzt einschreiten‘.“

Das Experiment hat stern TV zusammen mit der Deutschen Kinderhilfe e.V. entwickelt. Die Erklärungen der Passanten sind nicht ungewöhnlich, weiß auch Vorstandsmitglied Rainer Becker: „Wenn Umwelt oder Tiere in Gefahr sind, schreiten Politik und Gesellschaft sofort ein. Aber wenn es um die Rechte von Kindern geht, passiert kaum etwas.“ Ein häufiges Argument ist, man sei früher selbst geschlagen worden, und das habe auch nichts ausgemacht. Zu stern TV sagt ein Mann: „Sagen wir mal so: Ich bin in einer andern Generation aufgewachsen, da war das normal. Und die leben heute auch noch.“ Eine unreflektierte Aussage, findet Katia Saalfrank. Die Pädagogin weiß: Die Schläge der Eltern hinterlassen bei jedem Kind tiefe Schrammen auf der Seele. Gewalt führt zu einer Beschädigung des Selbst der Kinder, schreibt Saalfrank in ihrem aktuellen Buch „Du bist o.k. so, wie du bist. Das Ende der Erziehung“. Gewalt und Liebe werden miteinander in Verbindung gebracht und weiter getragen. „Unter anderem wird das Urvertrauen gestört, den Kindern wird Gewalt beigebracht und die Wahrscheinlichkeit, dass sie später eben das auch in ihren Beziehungen ausagieren, dann auch Gewalt anwenden, ist groß.“ In vielen Situationen rühren die Überreaktionen der Eltern aus reiner Überforderung. „Ich bin dagegen, dass man mit dem Finger auf Eltern zeigt“, sagt auch die erfahrene Erzieherin Babett Vogelsang, die im stern TV-Experiment einschritt. „Schlagende Eltern haben selbst häufig große Probleme und müssen ein Vertrauensverhältnis zu Helfern aufbauen können. Es geht nicht nur darum dem Kind zu helfen, sondern auch den Eltern.“