2016

So einfach lassen sich Bilder von Funkkameras abgreifen (SternTV)

Der Einsatz von Überwachungstechnik boomt. Alles soll möglichst sicherer werden. Doch das Gegenteil ist oft der Fall: Drahtlos übermittelte Bilder von Funk-Kameras lassen sich problemlos abgreifen. Und auch missbrauchen.

Überwachungskameras für das eigene Zuhause oder die Geschäftsräume haben Hochkonjunktur. Praktisch sind vor allem drahtlose Modelle, die ohne störende Kabel an beliebigen Stellen aufgebaut oder aufgehängt werden können. Die aufgenommenen Bilder werden praktischerweise per Funk an ein Empfangsgerät übertragen – einen Monitor, den Computer oder auch das Smartphone. Eine scheinbar einfache Lösung, die allerdings einen großen Nachteil hat, von dem die meisten Nutzer nichts ahnen: Das Kamera-Bild kann ohne großen Aufwand abgefangen werden.

Spionage durch Fremde aus 400 Metern möglich

Diese enorme Sicherheitslücke entsteht, weil die drahtlosen Kameras ihr Bild-Signal nicht per Kabel, sondern per Funk an das jeweilige Empfangsgerät senden. Da das Bild-Signal zwischen Kamera und Empfänger unverschlüsselt ist, kann nicht nur der zum System gehörende Empfänger das Bild einsehen, sondern auch andere, insbesondere Breitbandempfänger. Sobald sich solche Empfänger von Fremden im Sendebereich der Kamera befinden, können sie die Bilder abfangen. „Alle analogen und digitalen Funk-Kameras können von einem externen Empfänger empfangen werden, sofern sie ihr Signal unverschlüsselt senden“, bestätigt auch Sicherheitsexperte Udo Hagemann.

Je nach Kameratyp ist es somit möglich, aus mehr als 400 Metern Entfernung ein Bild-Signal zu empfangen und die betroffenen auszuspionieren. Dazu ist lediglich der besagte Breitbandempfänger und eventuell eine Richtantenne nötig – beides im Elektronik-Fachhandel oder im Internet frei erhältlich. Unbefugte müssen lediglich die richtige Frequenz der auszuspähenden Kamera finden und der Datenklau ist perfekt. Kriminelle können unter anderem Kassenbereiche von Geschäften beobachten und auf diese Weise an sensible Daten gelangen, oder sie können Wohnungen ausspähen und wissen genau, wann die Bewohner zu Hause sind – und wann nicht! „Man muss daran denken, dass auch Kriminelle solche Geräte besitzen“, warnt Hagemann. „Und mit genau solchen Geräten bewaffnet gehen sie dann los und suchen entsprechende Funkkameras. Und dann passen sie den besten Moment ab, um einzubrechen.“

Besitzer meist ahnungslos

Viele Nutzer dieser drahtlosen Kameratechnik ahnen nicht, welchen Risiken sie sich mit ihrer Überwachungskamera aussetzen, wie stern TV gemeinsam mit Udo Hagemann herausfand: Zwei Frauen, die bei einem Juwelier Schmuck kauften, ein offener Safe in einem Büro, eine Mutter und ihre Tochter, die zu Hause Kleider anprobierten – alles Bilder, die wir im Funkkamera-Test empfangen konnten, und die definitiv nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. „Ich war überrascht, wie viele Kameras es in Berlin gibt, die offen senden“, so Udo Hagemann. „In 10 Stunden ist es uns gelungen, über 50 Kameras zu finden. Fast alle von uns konfrontierten Kamerabesitzer haben nichts davon gewusst, dass ihre Kamera von außen einsehbar ist.“

Der Juwelier, dessen gesamter Innenraum von der Kamera per Funk an Unbefugte übertragen werden könnte, zeigte sich schockiert. Wer hier einen zweiten Empfänger besitzt, hat als Einbrecher leichtes Spiel. „Da müssen wir auf jeden Fall tätig werden, das geht ja mal überhaupt nicht!“, so der Juwelier.
Auch Kneipenbesitzer Otti, dessen Lokalraum und Ladentheke wir problemlos aus 200 Metern Entfernung beobachten konnten, zeigte sich schockiert von der Reichweite der Kamera und dessen Aufnahmen.

Selbst Privathaushalte sind von diesem Problem betroffen: Eine junge Mutter hatte die Sicherheitskameras zu Hause installiert, um hin und wieder ihren Sohn und sein Kindermädchen beobachten zu können. Dabei hätte die Frau selbst die ganze Zeit beobachtet werden können! Besonders pikant: Die attraktive Dame nutzt eben dieses Zimmer auch als ihr Schlafzimmer. Sie war von dem Sicherheitsleck mehr als entsetzt: „Ich fühle mich total veräppelt. Wenn so etwas der Fall ist, müsste man darauf hingewiesen werden, dass es nicht sicher ist!“

Schutz bieten nur Kabel oder Verschlüsselung

Auf telefonische Nachfrage bei einem der Kamerahersteller garantierte man uns sogar, die Verbindung zwischen Kamera und Empfänger sei absolut sicher und sogar passwortgeschützt. Eine glatte Lüge, wie unser Test gezeigt hat: Auch diese Kamera war aus einer Entfernung von 100 Metern ausspähbar.

Unzählige Funk-Kameras haben den Weg in Geschäftsräume, Praxen, Firmengebäude und Privathaushalte gefunden – angeschafft, um unkompliziert für mehr Sicherheit zu sorgen. Doch letztlich können sie sogar das Gegenteil bewirken: Sie erleichtern Kriminellen das Ausspähen von Objekten. Auch Experte Udo Hagemann ist empört: „Ich finde es unverantwortlich, dass die Kamerahersteller in ihren Bedienungsanleitungen auf dieses Sicherheitsproblem nicht hinweisen.“ Die einzig sichere Alternative: Überwachungskameras kaufen, die nicht funken, sondern ihre Daten wie einstmals per Kabel zum Empfangsgerät übertragen.