2016

Wer gibt das perfekte Alibi-Date? (SternTV)

Christian soll aus der Wohnung fliegen, wenn er seinen Eltern nicht eine Freundin vorstellt. Doch woher soll der Single die nehmen? Zusammen mit stern TV haben er und andere Lockvögel so genannte Alibi-Begleiter getestet.

Christian ist Philosophiestudent im 22. Semester, 35 Jahre alt und ziemlich schüchtern. Deshalb ist er auch noch immer Single. Doch das sollen seine Eltern nicht wissen. Denn sein konservativer Vater hat damit gedroht, Christian den Geldhahn zuzudrehen, wenn der nicht endlich eine respektable Braut präsentiert. Also hat Christian kurzerhand eine erfunden: Eine gewisse Monika, die mit ihren guten Umgangsformen den elterlichen Ansprüchen gerecht werden müsste. Von Beruf sei sie Stewardess.

Wie gut für Christian, dass es Agenturen gibt, die Alibi-Freundinnen oder auch -Begleiter für jeden Anlass vermitteln. Wer einen Schein-Partner braucht, wird im Internet fündig: Ob für das Geschäftsessen, den Opern-Besuch oder um dem sozialen Umfeld eine Beziehung vorzugaukeln – bestellte Dates nehmen sich gegen Bezahlung die Zeit dafür. Aber sind sie ihr Geld auch wer

In einer Test-Wohnung in Berlin hat stern TV hat die Dienstleister mit versteckter Kamera unter die Lupe genommen, zusammen mit Imageberaterin und Knigge- und Schauspiellehrerin Bettyna Pöltl. Sie sagt: „Eine perfekte Alibi-Begleitung sollte auf den jeweiligen Job vorbereitet sein, im Vorgespräch nach wichtigen Fakten fragen – und diese auswendig lernen. Sie sollte souverän im Small-Talk wirken, ist gut angezogen, zeigt gute Manieren, ist absolut loyal zum Kunden und wirkt professionell. Auch sollte sie vorab beruhigend auf den Kunden einwirken können.“

Nach wenigen Minuten aufgeflogen

Für das Treffen mit seinen Eltern Jörg und Johanna buchte Christian über eine Agentur Anette, die sich als Monika ausgeben sollte. Ihr Tarif: 170 Euro für zwei Stunden. „Das ist doch ganz einfach“, so die Alibi-Frau zu ihrer Rolle, „Stewardess ist ja eine Kellnerin in der Luft. Und ich bin gelernte Restaurantkauffrau – also Kellnerin am Boden.“

Die Lockvogel-Eltern sollten Anette auf Herz und Nieren in ihrer Rolle prüfen: mit spießigen Gast-Geschenken, Fragen zum Job und der Beziehung zu ihrem vermeintlichen Sohn Christian. Doch schon beim Tischgespräch patzte die „Tochter aus gutem Hause“ dann gewaltig, indem sie die Schwiegermutter in spe mit intimen Themen konfrontierte. Ihre Maske bröckelte weiter, als sie nicht einmal Auskunft geben konnte, wohin ihr letzter Flug als Stewardess ging: „Ähm, wo war ich denn zuletzt? War ich in Schweden? Keine Ahnung. Wo war ich denn nochmal?“
Kurzum: Die gebuchte Alibi-Freundin spielte ihre Rolle dermaßen schlecht, dass sie nach kurzer Zeit aufflog. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, brach sie daraufhin sämtliche Knigge-Regeln, die man von einer professionellen Alibi-Begleitung erwarten darf. Der Höhepunkt war, als Anette ihren Auftraggeber Christian vor seinen Eltern der Anstiftung zum Lügen bezichtigte. Für Expertin Bettyna Pöltl hinter den Kulissen ein unmöglicher Auftritt, der im Ernstfall unermesslichen Schaden angerichtet hätte. Noch dazu kassierte die gescheiterte Alibi-Freundin ihre volle Gage – heraus geschmissenes Geld.

Also inserierte Lockvogel Christian für einen weiteren Test in einem Internetforum. Darauf meldeten sich gleich ein Dutzend Frauen, die Alibi-Freundin sein wollten. Allerdings war keine von ihnen echte Stewardess. Doch eine E-Mail stach Christian ins Auge: Thailänderin Chrissi, die seit ihrer Kindheit in Deutschland lebt. Mit ihrem Auftritt hätte wohl niemand gerechnet: Auf souveräne und sympathische Weise spielte Chrissi alias Monika ihre Rolle als Christians Alibi-Freundin perfekt und wickelte den „strengen“ Vater gleich um den Finger. Damit überzeugte sie nicht nur Christians Eltern, sondern begeisterte auch Expertin Pöltl restlos. Und das Ganze am Ende vollkommen kostenlos. Es mache ihr Spaß, so die Thailänderin, und: „Ich glaube daran: Wenn man Gutes tut, dann bekommt man irgendwann Gutes zurück.“

Umgekehrte Rollen: Alibi-Begleiter für Lockvogel Anja

Im Test mit umgekehrten Rollen hat stern TV auch männliche Alibis beobachtet. Die Legende diesmal: Die 31-jährige Partymaus Anja genießt ihr Single-Leben in vollen Zügen. Um weiter von ihren Eltern unterstützt zu werden, muss auch sie zu einer Notlüge greifen – und einen Freund erfinden.
Auf der Homepage einer Alibi-Agentur hatte Anja Pablo ausgesucht, der ein „sportlicher und charmanter Kavalier“ sein will, wie er schreibt. Inklusive Vorgespräch verlangte er 320 Euro für seinen Auftritt. Er sollte den 35 Jahre alten Marc spielen: Pilot, kulturell interessiert und natürlich mit besten Umgangsformen. Als zweiter Test-Kandidat kam Max zum Einsatz; ebenfalls über eine Agentur gebucht – für 170 Euro.

Auch hier lässt sich das Ergebnis kurz zusammenfassen: Beide Herren, die Anja als Alibi-Freunde gebucht hatte, waren ein Reinfall. Beide flogen nach kürzester Zeit als falsche Piloten auf. Sie wussten die Namen gängiger Flughäfen nicht, einer wusste nicht einmal den Namen seiner Rolle und sie glänzten auch sonst nicht als ideale Partner. Als Schwindler ertappt, konnten beide die Kontenance nicht mehr wahren. Auch gutes Benehmen schien für sie ein Fremdwort. Eine riesige Enttäuschung, auch für unsere Expertin: „Er hat den Job nicht professionell gemacht. Er war nicht gut vorbereitet auf die Aufgabe als Pilot“, so ihr Fazit zu Pablo. Das traf leider auch auf Max zu. „Ich war überrascht, wie schlecht viele Alibi-Begleiter waren. Ich gehe von einer gebuchten Dienstleistung aus. Der Kunde kann für sein Geld eine gute Leistung verlangen“, resümierte Bettyna Pöltl.

Dessen war sich offenbar keiner der Agentur-Begleitungen bewusst. Das Testergebnis ist ernüchternd: Von vier professionellen Alibi-Freunden und -Freundinnen hat nur eine gebuchte Dame einen akzeptablen Auftritt abgeliefert. Dabei waren die Gagen von bis zu 300 Euro nicht gerade gering. Restlos überzeugt hat lediglich der kostenlose Einsatz von Chrissi!