2014

Zimmer gegen Sex (Stern TV)

Tanja_Homepage

Wohnungsnot und steigende Mieten sind in deutschen Großstädten ein brisantes Thema. Immer mehr Menschen zieht es zum Studieren oder Arbeiten in die Städte. Bezahlbarer Wohnraum ist extrem knapp. Auch in Berlin spitzt sich die Wohnungsnot zu. Für jede Wohnung, die frei wird und bezahlbar ist, gibt es unzählige Bewerber. Im letzten Jahr konkurrierten 150.000 Studenten um die 9456 Plätze in Berlins Studentenwohnheimen. Und ein Blick auf die Internetseiten mit WG-Angeboten zeigt: Von den wenigen angebotenen Zimmern sind die meisten für Studenten unerschwinglich. Was muss man also tun, um ein bezahlbares WG-Zimmer in der Hauptstadt zu ergattern? Und was erlebt eine Studentin bei der Wohnungssuche in Berlin?

Für stern TV hat sich die 19-jährige Tanja nach Mitwohn-Angeboten umgeschaut. „Biete günstige Unterkunft in Berlin- Kreuzberg“ klang vielversprechend. Beim Telefonat mit dem mann sagt dieser, er wolle über den Mietpreis lieber persönlich sprechen. Doch das versprochene Zimmer existiert gar nicht. Bei der Besichtigung stellt sich heraus: Tanja soll mit dem Mittvierziger zusammen im einzigen Raum der Wohnung wohnen. Unser Lockvogel erkundigt sich nach der Miete. Dem Mann schwebt allerdings eine andere Art der Bezahlung vor. Das zeigt sich, als Tanja das Schlafproblem anspricht: „Könnte ich hier noch eine Matratze reinlegen?“ Von ihm aus wäre das unnötig, sagt er: „Wenn man da zu zweit im Bett schläft, guckt man halt, ob man da was mit dir machen kann.“ Die Studentin hakt nach: miteinander schlafen? „Wäre schon gut. Ich muss ja auch Opfer bringen. Ich kann dann ja keine anderen Frauen mehr reinholen, wenn du hier wohnst“, so die Antwort des Mannes. Alle zwei Tage würde er das schon erwarten.

„Nimmst du die Pille?“

Sex statt Miete – die 19-Jährige ist schockiert. Findet sie eher einen seriösen Vermieter, wenn sie selbst eine Anzeige aufgibt? Tanja versucht es mit einem Gesuch über ein Online-Portal. Von den gut 60 Mitwohn-Angeboten, die Tanja daraufhin erhält, sind 57 von Männern. Die meisten machen bereits bei der ersten Kontaktaufnahme sexuelle Anspielungen wie „Nimmst du die Pille?“ oder „Ich bin devot veranlagt und suche eine dominante Frau“, „Bin manchmal etwas einsam und würde dann gerne jemanden haben zum Quatschen und zum Kuscheln.“ Und viele verlangen gleich ganz unverblümt Sex statt Miete: „Es ist Voraussetzung, dass du für sexuellen Kontakt mit mir offen bist.“ Die unmoralischen Angebote überwiegen. „Ich war über die Masse der Zuschriften geschockt, die von vornherein eindeutige Forderungen gestellt haben“, sagt Tanja. „Es ging sehr selten nur darum, mir ein Zimmer anzubieten, sondern darum, meine Situation auszunutzen und mich zum Sex ‚zu gewinnen‘.“

Dennoch sucht sich Tanja fünf Angebote aus, die seriös klingen und lässt sich auf eine Besichtigung ein. Doch auch hier dasselbe Spiel: Der Treffpunkt für den ersten Termin soll ein Café im Osten Berlins sein, die Wohnungsadresse möchte der Anbieter nicht rausgeben. Nachdem er Tanja die Aussichtslosigkeit ihrer Suche vor Augen führt, fordert er von ihr ein „Angebot“. Die letzte Mitbewohnerin habe bei allem mitgemacht. Nun will er wissen, wie oft Tanja mit ihm schlafen würde. Um zu schauen, was dem Mann vorschwebt, sagt Tanja zum Schein „zweimal im Monat“. Zu wenig für den Mann, er möchte mindestens zweimal in der Woche mit ihr schlafen, dafür dass sie sein Bett mitnutzen dürfte. „Es war wie auf dem Basar: Welche Frau bietet am meisten Sex?“, sagt Tanja.

Macht als Ursache

Die Verhaltensforscherin und Psychologin Christiane Tramitz sieht in diesem Verhalten eine Ausnutzung der Machtverhältnisse, die sie auch in ihrem Buch „Ich und die anderen: Als Selbst-Entwickler zu gelingenden Beziehungen“ beschreibt. „Die Männer, die Tanja getroffen hat, haben eine enorme Macht. Sie verfügen über etwas, das jemand anderes haben will, was rar ist, gerade in Berlin“, so Tramitz. Die Macht, die die Männer mit dem raren Gut „freies Zimmer“ hätten, bringe sie regelrecht in einen Rauschzustand. Die Forderungen hätten jedoch vielmehr mit Ohnmachtsgefühlen der Männer zu tun, anstatt mit dem realen Wunsch nach Geschlechtsverkehr. „Dann könnten sie ja auch ins Bordell gehen, das wäre auch viel komfortabler für sie“, so die Verhaltensforscherin. Grund seien vielfach ablehnende Erfahrungen, die die – oftmals älteren Männer – mit Frauen gemacht hätten. Daraus resultiere häufig ein Machtbedürfnis und der Wunsch nach Selbstaufwertung: „Ich bin mächtig, ich kann bestimmen, wer das Zimmer bekommt, ich bin der Herr über diese Situation und es kommen Frauen zu mir und wollen etwas von mir. Und ich bin der Bestimmter. Das ist Macht.“

Christiane Tramitz rät Frauen, die bei der Besichtigung an Männer geraten, die Sex verlangen: „Nicht wütend reagieren, dem Mann keine Vorwürfe machen.“ Das könne die Situation außer Kontrolle geraten lassen und der Mann könne extrem aggressiv reagieren. Man solle zuhören und sich dann freundlich verabschieden. Auch eine weitere Person zu den Besichtigungsterminen mitzunehmen sei ratsam.

Die Frauen sind die Schuldigen

Bei einer letzten Besichtigung erlebt Tanja leider auch nichts anderes, dabei klang das Angebot zunächst vielversprechend: Vorab hatte sie geklärt, dass es sich wirklich um ein eigenes Zimmer handelt und auch die Miete von 200 Euro kalt war in Ordnung. Nach einer kurzen Besichtigung stellt sich aber heraus, dass auch dieser Vermieter klare Vorstellungen von Zusammenwohnen hatte: Da er „noch relativ human“ sei, würde er nur zweimal im Monat Sex verlangen. Das Widersinnige: Der Mann sah sich selbst als Opfer. Er könne ja nichts dafür, dass ihm Frauen eindeutige Angebote machten. Die eigentlich Schuldigen seien die Frauen. Dass ein Täter versucht sich als Opfer zu stilisieren, ist in der Verhaltensforschung ebenfalls ein durchaus bekanntes Phänomen, wie Christiane Tramitz erklären kann. Diese Strategie zur Beruhigung des eigenen Gewissens nennt man Schuldverschiebung.

Bei den fünf Besichtigungen, die für Tanja zunächst seriös klangen, wollten vier Männer für ein Zimmer oder ein paar Zentimeter auf der Matratze einen unerhört unmoralischen Deal mit dem Mädchen schließen. Nur ein Mann verlangte keine sexuellen Gefälligkeiten von Tanja. Alle anderen wollten die Notlage einer Studentin, die dringend eine Unterkunft braucht, schamlos ausnutzen.